
Im Sommer
Auf einer Wiese breite ich meine Decke aus. Sie wärmt sich schnell auf. Es fühlt sich gut an, auf ihr zu liegen. Ich werde müde, und langsam versinkt mein Körper im weichen Stoff. Es ist ruhig hier. Bis vier alte Vespas die Stille unterbrechen. Junge Männer sitzen strahlend auf den Motorrollern. Mit ihren weißen Retro-Helmen wirken sie unbesiegbar – so wie sie da sitzen, den Lenkern entgegen gebeugt, als wollten sie der Zeit am liebsten entgegenspringen. Sie scheinen furchtlos und neugierig auf das, was vor ihnen liegt.
Ich schaue ihnen nach, bis sie verschwunden sind. Mit jedem Meter wird das Brummen ihrer Motoren leiser. Am liebsten würde ich ihnen noch ewig nachschauen. Der Sommer ist endlich da. Und ich denke an das Gefühl, das mit ihm in einem erwacht.
Manchmal fühlt es sich an, als lebten wir im Sommer ein anderes Leben: Schrumpelige Fingerkuppen nach zu langem Baden, nasse Haare, die im Fahrtwind trocknen, Abende, die sich ausdehnen, als wollten sie nie enden. Der Sommer macht uns zu anderen Menschen. Vieles ist leichter. Jedenfalls fühlt es sich so an. Im Sommer ist es, als würden wir uns erinnern, dass das Leben draußen auf uns wartet.
Und so kam ich neulich mit einer Frau ins Gespräch. Sie faszinierte mich, ehe wir miteinander sprachen. Sofort fielen mir ihre großen dunklen Augen und ihr schönes, weiches Gesicht auf, das von einem hellen Kopftuch umrahmt war. Sie strahlte. Auch ich fiel ihr auf. Sie erzählte mir von ihrer Welt und ich ihr von meiner. Wir sprachen ohne Vorsicht und ohne uns etwas zurechtzulegen. Wir redeten miteinander, als kannten wir uns innig und schon immer. „Oh, Habibi“, sagte sie noch zu mir, bevor wir uns dann mit Tränen in den Armen lagen. Zwei Frauen, die sich eine Stunde zuvor noch nicht kannten und diese Szene wie aus einem Film. Aber wahrscheinlich ist das der Unterschied zwischen dem Sommer und dem Rest des Jahres?
Der Sommer schreibt die schönsten Geschichten. Manchmal sieht man den Menschen nicht an, was sie durchleben. Nicht die Traurigkeit, nicht die Erschöpfung, nicht die Krankheit. Manchmal ist da eine stille Schwere, die manche mit sich tragen, wie einen Stein in ihrer Tasche. Und dann hilft es auch nicht viel, wenn jemand sagt: „Das sieht man dir gar nicht an“. So als wäre die Unsichtbarkeit ein Kompliment.
Manchmal hilft es mehr, einfach anzunehmen und zuzuhören, ohne alles in Schubladen zu packen und anzunehmen, dass der andere gerade kämpft. Dass hinter dem Strahlen etwas steckt, das man nicht kennt. Dass man sich irren darf. Vielleicht ist der Sommer auch dafür da. Dafür, dass wir uns Zeit nehmen. Für den Moment, für die Menschen, die uns gegenüberstehen und die Begegnungen.
Im Sommer fällt uns vieles leichter. Die Tage sind länger, die Ungeduld ist kleiner. Inzwischen steht die Sonne etwas tiefer. Ich bin noch immer auf meiner Decke. Ich glaube, der Sommer lässt uns glauben. Dass alles möglich ist: dass man einer Fremden in die Arme fallen kann, dass vier junge Männer auf alten Rollern aussehen können wie Helden einer Geschichte und auch, dass man auf einer Wiese liegen und für einen Moment vergessen kann, was einen sonst schwer macht.
Ich schließe die Augen. Die Sonne wärmt mein Gesicht und der Sommer schreibt seine Geschichten weiter.



