
Ingwer – die Arzneipflanze des Jahres 2026
Die beige-braunen Knollen mit ihren fast fingerartigen Auswüchsen wirken vielleicht eher langweilig. Aber ganz anders ist ihr gelbes, faseriges Fruchtfleisch, das mit ihren Scharfstoffen Speisen und Getränken einen richtigen Pep verleihen kann. Außer der geschmacklichen Variante entfaltet der Wurzelstock natürlich noch viele gesundheitliche Wirkungen, die ihm zu dieser Auszeichnung verholfen haben.
Die Geschichte des Ingwers geht relativ weit zurück. Sein lateinischer Name ist Rhizoma Zingiberis und er ist auch bei uns durchaus lange schon verbreitet. Wenn man durch die Historie geht, kommen wir ganz schön weit. Wo kommt er eigentlich her? Ursprünglich wohl aus den feuchtwarmen Tropen – Dschungeln Mittel- und Südostasiens. Genaueres lässt sich leider nicht mehr ermitteln, aber die Insel Java und eventuell angrenzende Regionen werden hier vermutet.
Überlieferungen, zum Teil mündlicher Art, berichten Folgendes: Um etwa 3000 v. Chr. wurde aus China und Indien berichtet, dass der Ingwer als Gewürzpflanze, als Medizin und für religiöse Zeremonien eine große Rolle spielt. Nicht viel später, 2700 v. Chr., machte der für damalige Zeiten sehr berühmte Kaiser Shen Nung in einem umfangreichen, leider nicht vollständig erhalten gebliebenen Werk über die Heilpflanzen seiner Zeit sehr detaillierte Angaben über den Ingwer.
Ca. 2000 vor Christus: Seefahrer in Südostasien wussten bereits, dass sich die Reisekrankheit mit Ingwer verhüten bzw. heilen lässt. Auf ihren Reisen brachten sie ihn nach Ägypten, wo Gewürze immer schon als kostbar galten und für die Zubereitung von Speisen und zur Körperpflege sowie für kultische Handlungen sehr geschätzt waren. Neben Zimt war es das zweitwichtigste Handelsgut.
Um mal einen kleinen Exkurs in unsere Zeit zu machen: Kapseln mit Ingwerpulver sind auch heute immer noch sehr gebräuchlich zur Verhinderung von See- oder Reiseübelkeit, da sie sehr gut verträglich sind und nicht ermüdend wirken. Nach ärztlicher Rücksprache auch bei Schwangerschaftsübelkeit möglich. 332 v. Chr.: Alexander der Große bricht auf, Ägypten zu erobern. Dabei bringt er den Ingwer mit nach Griechenland. Die Köche dort schätzen seine Würzkraft und Vielseitigkeit.
Kommen wir ins alte Rom, sagen wir mal ca. 200 v. Chr.: die Römer schätzten den Ingwer sehr. Er galt nicht nur als kostbares Gewürz, sondern zählte auch zu den wichtigsten Arzneien. Römische Ärzte führten ihn stets mit sich, wenn sie die Truppen auf deren Feldzügen begleiteten. 78 n. Chr.: ein mit dem Namen „Materia Medica“ betiteltes fünf-bändiges Werk über die Arzneimittelkunde des Abendlandes erscheint. Verfasst wurde es von dem aus Kleinasien stammenden Arzt und Pharmakologen Dioskorides. Er empfahl ebenfalls Ingwer bei Magenbeschwerden zu sich zu nehmen.
Der griechische Arzt Galen von Pergamon verschrieb gegen Appetitlosigkeit eine Mixtur aus weißem Pfeffer, Ingwer, Honig, Quittensaft und Essig. Zur Zeit der Völkerwanderungen geraten viele Heil- und Gewürzpflanzen leider in Vergessenheit, aber mit den Kreuzzügen steigt die Nachfrage an Gewürzen aus dem Orient deutlich wieder an.
Die Ärzte aus dem Mittelalter wussten bereits wieder um die stärkende und vitalisierende Wirkung des Ingwers. Wie der Beiname „göttliches Feuer“ belegt, verdrängt er als Gewürz teilweise sogar den Pfeffer. Auch Hildegard von Bingen kannte ihn schon. Sie verordnete ihn ebenfalls bei Magenschmerzen, Verstopfung, zur Verdauungsförderung und äußerlich bei Hautflechten. Sie warnte allerdings davor, dass Ingwer aufgrund seiner Wärmewirkung den Menschen zügellos machen könne…
Die Reichen konnten sich seinerzeit natürlich viele Gewürze für ihre Speisen leisten, die für die ärmere Bevölkerung gar nicht erschwinglich waren. Immerhin gab es damals wohl ein mit Ingwer gewürztes Bier, das sich großer Beliebtheit erfreute. Als Ersatz wurde außerdem Kalmuswurzel im Garten angebaut – auch nicht schlecht für den Magen!
Die Engländer liebten den Ingwer sehr, sogar Shakespeare erwähnte ihn in seinen Werken. Von Kaiser Heinrich VIII. wird berichtet, dass er Unmengen von Ingwer verzehrt habe – sicher kein Fehler bei seiner Körperfülle… Im englischen Sprachgebrauch gibt es zahlreiche Begriffe für der „Ginger“, das sicherlich bekannteste ist das „Ginger Ale“, eine Art Limonade mit Ingwergeschmack. Auch irgendwie kurios: in den 60-er Jahren kam der Ingwer ganz unbemerkt wieder nach Deutschland. Er ist nämlich ein Bestandteil der Würzmischung für Currywurst. Hätten Sie das gewusst?
Außer der Anwendung, oft eben als Gewürz, gerade in der asiatischen Küche, ist ja auch das „Ingwerwasser“, feine Scheiben, frisch geschnitten, in heißem Wasser eingelegt, zur Stärkung des Immunsystems sehr gut bekannt.
Aber es gibt tatsächlich noch einige andere Anwendungen, wie die für Haut und Haare, sofern man nicht darauf allergisch reagiert, was leider schon mal vorkommen kann. Bei Akne: zur Unterstützung der ärztlichen Behandlung können die betroffenen Stellen mit verdünntem Ingwer-Essig oder Ingwertee betupft werden. Er wirkt hier gegen Viren, Bakterien und Pilze und regt die Durchblutung der Haut stark an. Bei Alters- und Sonnenflecken: hier sollten die Flecken mit einer Mischung aus einem Teil Ingwer-Essig und einem Teil Wasser eingerieben werden.
Haarausfall: Massieren Sie die Kopfhaut täglich mit Ingweröl. Spülen Sie die Haare nach dem Waschen mit verdünntem Ingwer-Essig.
Sie möchten sicher ganz gerne wissen: wie stelle ich den Ingwer-Essig her? Das ist eigentlich ganz einfach, 1 Stück frischen Ingwer, so etwa 50-100 Gramm, gründlich waschen, nach Wunsch, bei keiner Bio-Qualität, auch schälen. In dünne Scheiben schneiden oder auch in kleine Stücke. Je kleiner, desto besser, umso intensiver der Geschmack. In ein Glasgefäß geben und mit 500 ml Apfelessig oder auch Weißwein- oder Reisessig auffüllen. Der Ingwer sollte komplett bedeckt sein, das ist wichtig. Wenn man will, jetzt noch einen Löffel Honig hinzufügen, gerade bei dem innerlichen Gebrauch für die leichte Süße.
Jetzt heißt es allerdings noch etwas Geduld haben: an einem kühlen, dunklen Ort für zwei, besser für vier Wochen ziehen lassen, umso besser wird die Wirkung bzw. der Geschmack. Ab und zu schütteln. Danach durch ein ein Sieb oder Baumwolltuch abseihen, in ein sauberes Glas abfüllen und gut verschließen. Er hält im Kühlschrank so mehrere Monate.
Ingwer hilft auch als zusätzlicher Schutz vor Blutgerinnseln. Sie können an einer rohen Ingwerwurzel knabbern oder essen Sie einzelne Scheiben roh. Falls Sie das nicht über sich bringen sollten, würzen Sie ihre Mahlzeiten mit frisch geriebenem rohen Ingwer. Wie kann er denn nun helfen? Nun, roher Ingwer vermag tatsächlich noch besser als der bekanntere Knoblauch das Blut zu verdünnen und damit die Blutgerinnung herabzusetzen.
Verantwortlich dafür ist der Inhaltsstoff Zingiberol, der erstaunlicherweise eine ähnliche Struktur wie das normalerweise verwendete Aspirin aufweist. Er verringert u.a. die Produktion einer körpereigenen Substanz mit dem Namen Thromboxan, die einer der Faktoren bei der Blutgerinnung ist. Daher wird vor geplanten Operationen dringend von der Einnahme von Ingwer oder Ingwer-Produkten abgeraten!
Über die Verwendungsmöglichkeiten beim Kochen oder Backen kann man nur staunen: vom Ingwerwasser bis zu Cocktails, vom Brotaufstrich bis zu raffinierten Saucen, von Brot bis Eis, es scheint kaum etwas zu geben, was sich nicht mit Ingwer zubereiten lässt! Daher würde ich mit Fug und Recht behaupten, der Titel der Arzneipflanze 2026 steht ihm wirklich zu!
Ihre Apothekerin Simone Wagner



