Brauchtum

Die Lechtaler Festtagstracht

Es gab eine Zeit, in der die alte Festtagstracht im Lechtal beinahe verschwunden war. Kaum jemand trug sie noch, vieles war vergessen, manches schon verloren. Bei Prozessionen sah man kaum noch Frauen in Tracht – es reichte gerade noch für ein paar wenige. Doch dann begann ihre Rettung mit Rosa Perle, die „Singers Larchers” genannt wurde.

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Rosa Perle war aus Kraichen bei Bach und fasziniert von der Tracht. Sie war fest davon überzeugt, sie nähen zu können, auch wenn die Schalkdamen nicht ihrer Meinung waren. Für die Trachtenfrauen war es klar, entweder man hatte die  Tracht oder nicht. 

Nichtsdestotrotz ließ sich Perle nicht entmutigen und begann in Bach und Stockach alte Teile der Schalktracht zu sammeln – Stoffreste, Stickereien, Überbleibsel einer fast vergessenen Zeit. Mit Geschick entwickelte sie Schnitte und tastete sich Schritt für Schritt vor. Doch eines fehlte ihr noch: das Wissen um die kunstvolle Stickerei. Also machte sie sich auf den Weg nach Giblen. Dort fand sie eine Frau, die ihr zeigte, wie die Stickerei geht.

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Keine langen Erklärungen – nur ein paar klare Handgriffe: Gold- und Silberfäden über Karton spannen, von unten fassen, festnähen und fertig. Rosa Perle nahm dieses Wissen mit nach Hause und begann zu arbeiten. Sie trennte alte Stickereien auf und übte sich daran. Stoffe zu bekommen war mühsam, Geld hatte sie wenig.

Nach einem Jahr intensiver Arbeit ging sie in ihrer selbstgenähten Schalktracht bei der Fronleichnamsprozession in Bach mit. Aus dieser einen Tracht wurde mehr. Mit Unterstützung von ihrem Josef wurde sie zur „Trachtenmutter”. Sie nähte und lehrte andere Frauen. Für Rosa war die Tracht mehr als nur ein Gewand. Sie war Haltung, Würde, Tradition und das brachte sie den Frauen auch bei: Offene Haare waren dagegen tabu. „Schon wieder eine mit offenen Zotteln!”, rief Perle, wenn sie eine Frau mit solch einer Frisur sah..

Guidos Degasperis erste Begegnung mit der Tracht

In diese Zeit fiel auch Degasperis erste bewusste Begegnung mit der Lechtaler Festtagstracht. „Es war die Primiz von Franz Saurer, dem ‚Fränkas’, dessen Wunsch es war, dass viele in alter Festtagstracht mit ihm gehen. Ich stand der Tracht bis dahin eher gleichgültig gegenüber”, erinnert sich Degasperi. „Sie war da – aber sie bedeutete mir nichts. Doch bei dieser Primiz bekam sie eine andere Bedeutung.” 

Jahre danach kehrte Degasperi mit seiner Frau nach Elbigenalp zurück. Er war etwa 25 Jahre alt. Seine Frau konnte nähen. Also gingen sie zu Rosa Perle. „Es brauchte Zeit, bis sie uns annahm”, erzählt Guido Degasperi. „Aber als sie es tat, öffnete sie uns ihre Welt.” Perle zeigte Guido Degasperis Frau das Nähen, das Sticken, die Feinheiten der Schalktracht.

Rosa Perle ließ die Lechtaler Festtagstracht wieder aufleben und gab ihr Wissen an andere Frauen weiter. Auf dem Bild ist sie mit ihrem Mann Josef zu sehen.

Während sie bei Rosa Perle lernten, wurde Degasperi bewusst: Trotz Rosas jahrelangem Einsatz war die Tracht im Dorf immer noch fast verschwunden. Bei Prozessionen fehlten die Frauen in Tracht. Das wollte Guido Degasperi ndern. Er begann, von Haus zu Haus zu gehen, klopfte an Türen, sprach mit den Menschen.

Er erinnerte sie an das, was sie hatten – und an das, was Rosa Perle ihnen ermöglicht hatte. Bei der nächsten Prozession gingen sie wieder mit Tracht: „Fränka Armella Saurer, Evi Pösch, Luisa Stoß, Gertraud Lang. Ein kleines Bild – aber ein Zeichen“, wie Guido Degasperi erzählt. Er sammelte alte Trachten, ließ sie von Rosa Perle restaurieren und gab sie weiter. „Die Freude an der Tracht kehrte zurück. Immer mehr Menschen ließen sich neue Trachten anfertigen“, erinnert er sich zurück.

Der Faden reißt nicht ab

Als Rosa Perle älter wurde und ihre Hände nicht mehr sticken konnten, hätte alles enden können. Doch sie hatte vorgesorgt. „Ida aus Bach übernahm ihr Wissen. Sie nähte weiter und gab ihr Wissen an  Rosa Baldessari . Sie führte fort, was begonnen worden war und übergab das Handwerk an ihre Tochter Agnes Baldessari. Und so riss und reißt der Faden nicht ab. Auch die Näherin Evi Kärle (Schlossers) trug durch ihre rettenden Hände zur Erhaltung der Tracht bei“, erklärt Degasperi.

„1991 gründete ich den Trachtenverein Elbigenalp und Umgebung. Was klein begann, wuchs. Heute ist er einer der größten in Tirol. Und die Tracht – sie lebt wieder”, sagt Guido Degasperi nicht ohne Stolz.

„Wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich keine Stoffe und keine Muster. Ich sehe Menschen. Menschen, die nicht aufgegeben haben. Die sich nicht mit einem ‚Das geht nicht’ zufrieden gaben. Und ich sehe Rosa Perle. Wie sie dasteht – entschlossen, genau, unbeirrbar. Ohne sie gäbe es vieles nicht mehr. Heute aber können wir sagen: Die alte Lechtaler Festtagstracht lebt. Und sie erzählt ihre Geschichte weiter – von Generation zu Generation”, freut sich Trachtenexperte Guido Degasperi.

Text: Sabina Riegger · Foto: Arnold Weißenbach

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