
Moderne Adipositas-Chirurgie in Füssen
Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. Was lange als persönliches Schicksal oder Willensschwäche abgetan wurde, gilt heute als ernstzunehmende Erkrankung mit weitreichenden Folgen. Am Klinikum Füssen hat sich in den vergangenen zwei Jahren eine Institution etabliert, das die Menschen mit krankhaftem Übergewicht eine echte Perspektive bietet: das Adipositaszentrum.
Der Chefarzt der Viszeral- und Adipositas-Chirurgie am Klinikum Füssen, Dr. Michael Dycta, leitete jahrelang das Adipositaszentrum in Hof. Seit Februar 2024 hat er das Adipositaszentrum in Füssen gemeinsam mit seinem Team in kürzester Zeit aufgebaut und etabliert. Der Grund dafür sind Zahlen, die auf den ersten Blick überraschen mögen – auf den zweiten jedoch nicht. Denn laut den Daten des Mikrozensus des Bayerischen Landesamts für Statistik sind 51 Prozent, also mehr als die Hälfte, aller erwachsenen Bayern übergewichtig oder adipös. Drei Adipositaszentren gibt es im Allgäu sowie ein Zentrum für Kinder und Jugendliche. Die Zahlen machen deutlich, wie dringend notwendig eine wohnortnahe, spezialisierte Versorgung ist.
Der Umweg über Franken
Dass er einmal in den Allgäuer Voralpen landen würde, hatte Michael Dycta nicht geplant. Seine Welt war überschaubar und seine Ziele klar: Medizin, vielleicht Hausarzt werden und nah an den Menschen sein, wie er sagt. Es kam anders. Nach dem Studium führte ihn sein Weg zu den großen Kliniken Frankens – Würzburg, Lichtenfels, Bayreuth, schließlich Hof. Dort wurde er nicht nur Oberarzt, sondern baute über Jahre hinweg das Adipositaszentrum mit auf und leitete es – eine Erfahrung, die ihn prägte und die Grundlage für alles legte, was danach kam.
„Ich bin in das Thema Adipositas eher reingestolpert. Mein damaliger Chef bat mich, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es war nicht mein Plan. Aber ich fand es mit jedem Tag spannender“, sagt er und lächelt. Was ihn fesselte, war zunächst die beeindruckende Wirkung. In der klassischen Chirurgie sieht man die Ergebnisse sofort – ein Tumor ist entfernt, ein Bruch genäht. Hier war es anders. Die Veränderung kam zuerst langsam, fast unmerklich – und dann mit einer Kraft, die ihn verblüffte. „Das Gewicht schmilzt dahin“, sagt er, „wie Ice in the Sunshine. Das hatte ich so noch nie erlebt.“
Dazu kam etwas, das in der Chirurgie selten ist: Nähe, langfristige Begleitung, Beziehung. „Normalerweise operiert man etwas heraus, und dann sieht man den Patienten nicht mehr. Plötzlich begleitete ich Menschen über Monate, über Jahre. Das hatte ich mir eigentlich immer beim Hausarzt vorgestellt – und jetzt hatte ich es in der Chirurgie gefunden.“
Gefunden haben ihn auch die Kliniken des Ostallgäu-Kaufbeuren-Verbunds, die nach einem Chefarzt suchten. Es sollte jemand sein, der nicht nur operieren, sondern auch ein Zentrum aufbauen konnte. Die Wahl fiel auf Dr. Michael Dycta. Die Kombination aus langjähriger Erfahrung in Hof und dem Willen, etwas Neues zu gestalten, überzeugte.
Eine unterschätzte Erkrankung
Bevor man über Operationen spricht, muss man über ein Missverständnis sprechen. Über die Gedanken, die viele im Kopf haben, wenn sie das Wort „Übergewicht“ hören: Willensschwäche, Disziplinlosigkeit. Dr. Michael Dycta räumt damit auf – sachlich, ohne Schärfe, aber unmissverständlich. „Ob jemand eine bestimmte Körperform hat oder nicht – das liegt im Auge des Betrachters. Das ist nicht unser Thema.“
Was sein Thema ist, sind die Folgeerkrankungen. Das metabolische Syndrom: Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Schlafapnoe, Herzbelastung, zerstörte Gelenke. Erkrankungen, die sich über Jahre anschleichen, die keine Schmerzen machen, keine Alarmsignale senden – bis es zu spät ist. „Ich nenne sie langsam fliegende Bedrohungskugeln“, sagt er. „Bluthochdruck und Diabetes entwickeln sich über Jahre, bis es zu irreversiblen Schäden kommt. Das ist das eigentlich Tückische an Adipositas: Sie macht lange keine Schmerzen. Wer einen Herzinfarkt erleidet, ruft den Notarzt. Wer eine Nierenkolik hat, landet unfreiwillig in der Klinik. Aber wer mit jedem Jahr ein wenig schwerer wird, gewöhnt sich daran. Der Körper passt sich an. Die Umgebung passt sich an, bis der Körper es irgendwann nicht mehr kann“, erklärt der vierfache Familienvater.
Dycta nennt Adipositas deshalb eine „nichtinfektiöse Pandemie“ – eine, die noch immer zu wenig wahrgenommen wird. „Wir müssen viel mehr Aufklärung betreiben, damit die Betroffenen überhaupt wissen, dass sie behandlungsbedürftig sind.“ Die Statistiken geben ihm Recht: Bis 2035 wird in den USA jeder fünfte Mensch einen Body-Mass-Index über 40 haben – vor 20 Jahren war das noch eine Ausnahmeerscheinung. In Bayern haben nach Schätzungen rund 570.000 Menschen behandlungsbedürftiges Übergewicht. Ein enormer, weitgehend ungedeckter Bedarf – den das Adipositaszentrum Füssen nun ein Stück weit schließt.
Der Weg zur Operation
Nicht jeder, der das Adipositaszentrum Füssen betritt, wird operiert. „Zunächst prüfen wir konservative Maßnahmen oder medikamentöse Therapien.“ Der Weg beginnt mit einem Erstgespräch – das auch online stattfinden kann. Dann übernehmen zunächst die Ernährungswissenschaftlerinnen des Zentrums. Sie erfassen Körpergewicht, Größe, Begleiterkrankungen, bisherige Therapieversuche. Sie entwickeln gemeinsam mit dem Patienten ein Konzept: Ernährungsumstellung, Bewegung, gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung. Erst wenn diese Wege scheitern oder von vornherein aussichtslos erscheinen, kommt der Chirurg ins Spiel.
„Frühestens nach drei Monaten sprechen wir konkret über eine Operation“, erklärt Dycta. „Das ist kein Schnellschuss. Das ist ein Prozess.“ Die medizinischen Kriterien sind klar definiert: Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 40 besteht grundsätzlich eine Operationsindikation, ab einem BMI von 35 bei schwerwiegenden Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Doch der BMI ist nur ein erster Anhaltspunkt. Was wirklich zählt, ist das Gesamtbild – welche Erkrankungen vorliegen, was bereits versucht wurde, und nicht zuletzt, was der Patient selbst möchte.
Kleine Schnitte, große Wirkung
Der Eingriff am Klinikum Füssen wird minimalinvasiv durchgeführt. Fünf kleine Schnitte an der Bauchdecke, keine langen Wunden, kaum Schmerzen danach. Die meisten Patienten sind nach zwei bis drei Tagen wieder zu Hause.
Im Wesentlichen kommen zwei Methoden zum Einsatz.
Der Schlauchmagen – etwa 30 Prozent der Fälle – verkleinert den Magen so, dass der Patient schlicht weniger essen kann. Gleichzeitig verändert sich durch den Eingriff der Hormonspiegel: Der Appetit sinkt, das Sättigungsgefühl setzt früher ein.
Der Magenbypass – in zwei Varianten, rund 70 Prozent der Fälle – geht einen Schritt weiter. Ein kleiner Vormagen wird gebildet, eine Dünndarmschlinge neu angeschlossen. Ein Teil des Darms wird so aus der Nahrungspassage herausgenommen. Das reduziert nicht nur die Kalorienaufnahme, sondern löst tiefgreifende metabolische Veränderungen aus. Der Körper produziert mehr GLP-1 – jenen Botenstoff, der auch hinter den bekannten „Abnehmspritzen“ steckt.„Der Blutzucker verbessert sich bei vielen Patienten ab dem Tag der Operation“, sagt Dycta. „Nicht erst nach Wochen des Abnehmens. Das zeigt, dass es sich hier nicht nur um einen mechanischen Eingriff handelt, sondern um eine metabolische Operation. „Die Patienten erleben das oft als verblüffende Erleichterung. Viele sagen hinterher: Es war gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Was danach kommt
Die Operation ist kein Endpunkt. Sie ist – wie Michael Dycta es nennt – „ein Zahnrädchen auf einer langen Reise“. Was danach kommt, ist mindestens genauso wichtig. Wer weniger isst und weniger aufnimmt, muss dauerhaft Vitamine, Mineralstoffe und Proteine einnehmen. Regelmäßige Kontrollen sind Pflicht. Etwa ein Jahr nach der Operation bilden viele Patienten Gallensteine, eine mögliche Folge des raschen Gewichtsverlusts, die dann eine Gallenblasenentfernung nötig machen können.
Und dann ist da noch die Haut. Wer 70, 80 oder gar 100 Kilogramm verliert, trägt danach oft überschüssige Haut mit sich – an Bauch, Oberschenkeln, Oberarmen. Das ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Entzündungen in den Hautfalten, Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit: Das sind medizinische Probleme. Das Adipositaszentrum Füssen bietet seit kurzem auch Hautstraffungen an. „Wir schauen nach etwa zwei Jahren, wenn der Patient sein Tiefstgewicht erreicht und über einige Monate gehalten hat, ob eine medizinische Indikation für eine Hautstraffung besteht“, erklärt Dycta. Anders als die Adipositas-Operation selbst, die eine Regelleistung der Krankenkasse ist, muss die Hautstraffung beantragt und von der Krankenkasse genehmigt werden. Dazu braucht es dermatologische Befunde, gegebenenfalls Fotos, den Nachweis von Entzündungen oder Schmerzen. „Wir begleiten unsere Patienten langfristig“, betont Dycta. „Und das Schönste ist: Wir können heute ganz klar sagen, dass wir helfen können – ohne Stigmatisierung.“
Von 20 bis 75 Jahre
Der jüngste Patient, den Michael Dycta operiert hat, war 20 Jahre alt und wog 225 Kilogramm. Inzwischen hat der junge Mann über 100 Kilogramm abgenommen. Er geht ins Fitnessstudio. Der älteste Patient war 75. Denn auch im hohen Alter kann ein Eingriff sinnvoll sein – wenn es darum geht, Mobilität zu erhalten, Selbstständigkeit zu sichern und Pflegebedürftigkeit zu verhindern. „Die Ziele sind je nach Lebensphase unterschiedlich“, erklärt Dycta. „Beim jungen Patienten wollen wir verhindern, dass der Diabetes kommt, dass die Gelenke verschleißen, dass das Leben an Möglichkeiten verliert. Beim älteren Patienten geht es darum, dass er sich noch selbst versorgen kann. Aber das Prinzip ist dasselbe: Wir wollen dem Menschen sein Leben zurückgeben.“
Regelleistung der Krankenkasse
Was viele Betroffene nicht wissen: Die Operation ist längst eine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Kein jahrelanger Kampf, kein Anwalt, keine Widerspruchsverfahren mehr – sofern die medizinischen Kriterien erfüllt sind. Das war nicht immer so. Michael Dycta erinnert sich an eine Zeit, in der Patienten jahrelang kämpften, Anwaltskosten anfielen, die den Preis der Operation überstiegen,und manche Betroffene die Kosten schließlich aus eigener Tasche zahlten. „Es waren oft die Patienten selbst und die Selbsthilfegruppen, die diese Entwicklung vorangetrieben haben. Das muss man anerkennen.“
Heute stehen klare Leitlinien, Urteile des Bundessozialgerichts und eine solide wissenschaftliche Evidenz hinter der Therapie. Das Adipositaszentrum Füssen ist zudem offiziell zertifiziert und unterwirft sich einem externen Qualitätsmonitoring, das Komplikationen transparent erfasst. „Wenn hier etwas schiefliefe, würde uns die Zertifizierung entzogen“, sagt Dycta. „Das ist richtig so.“
Ein Team, das zusammengewachsen ist
Was das Adipositaszentrum Füssen in so kurzer Zeit erfolgreich gemacht hat, liegt nach Überzeugung von Michael Dycta weniger an seiner Person als an dem Team, das er um sich versammelt hat – und an der Art, wie dieses Team arbeitet. Das bedeutet: Drei Chirurgen, zwei Ernährungswissenschaftlerinnen, Fachkoordinatoren, Kooperationspartner in Kempten und Buchloe, Sprechstunden vor Ort und online, Hausbesuche in Ausnahmefällen und eine Kultur, die er ausdrücklich nicht als hierarchisch beschreibt: „Die Zeiten, in denen der Chef sagt, wo es langgeht, sind vorbei. Wir arbeiten horizontal, auf Augenhöhe – und alle mit Herzblut.“
Seit der Gründung im Februar 2024 wurden rund 600 Patienten betreut, etwa 200 operiert. „Wir haben die höchsten Fallzahlen im Umkreis von 150 Kilometern“, erklärt Dycta. „Die umliegenden Zentren haben nur etwa die Hälfte unserer Fallzahlen.“ Den Erfolg erklärt er sich dabei schlicht so: „Wir decken einen Bedarf, der vorher nicht gedeckt war. Und wir versuchen, das ordentlich zu machen.“ Dass die Erfahrungen aus Jahren der Zentrumsleitung in Hof dabei eine entscheidende Rolle spielen, versteht sich von selbst. Dr. Michael Dycta brachte nicht nur medizinisches Know-how mit – sondern auch das Wissen darum, wie man ein solches Zentrum strukturiert, führt und weiterentwickelt.
Diese Fallzahlen haben in Zeiten der geplanten Krankenhausreform auch strategische Bedeutung. Denn welche Zentren in Bayern künftig Adipositas-Chirurgie anbieten dürfen, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Der Chefarzt gibt sich vorsichtig optimistisch – und bleibt dabei seinem Grundsatz treu: erst die Patienten, dann die Politik.
INFO
Telefon: 08362 / 500 503
E-Mail: adipositaszentrum@kliniken-ol-kf.de
Text: Sabina Riegger · Foto: Kreiskliniken Ostallgäu



