Sport & Freizeit

70 Jahre Segelclub Füssen

Pioniere erinnern sich an eine bewegte Geschichte

Wenn der Segelclub Füssen Forggensee in diesem Jahr auf sein 70-jähriges Bestehen blickt, feiert er weit mehr als nur ein Vereinsjubiläum. Es ist die Geschichte einer tiefen Verbundenheit mit einem Gewässer, das selbst kaum älter ist als der Club – und die Geschichte von Pionieren, die aus einem elitären Zirkel einen lebendigen Sportverein machten.

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Die Geburtsstunde auf dem „Baustellen-See“

Am 4. April 1956 trafen sich im Hotel Hirsch in Füssen 14 segelbegeisterte Pioniere und zwei Förderer, um den Segelclub Füssen Forggensee (SCFF) zu gründen. 1954 war der Forggensee zum ersten Mal komplett aufgestaut worden. Die Uferlandschaft war noch völlig kahl, die ersten Schläge auf dem Wasser glichen einem Abenteuer, wie es Helmar Schweiger beschreibt. Als Zeichen der Verbundenheit mit der Heimat wählten die Gründer für den Vereinswimpel die Füssener Stadtfarben Schwarz und Gold. Um 1970 entstand das heutige Clubwappen mit dem stilisierten Wimpel vor zwei weißen Segeln.

Rebellion der jungen Wilden

Eine Woche nach der Gründung kam Helmar Schweiger dazu – mit 19 Jahren und einem Segelboot, für das er drei Jahre gespart hatte. „Der Jüngste hat das größte Schiff, sagten einige der damaligen Mitglieder“, erinnert sich der heute 90-Jährige schmunzelnd.

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Der Segelclub begann als exklusiver Kreis von Honoratioren. „Es war ein elitärer Sport“, bestätigt Wolfgang Baader, mit 87 Jahren ebenfalls noch aktives Mitglied. „Arbeiterkinder wie ich waren da nicht vorgesehen. Ich komme aus der Brunnengasse, mein Vater hat Bier ausgefahren“, erzählt er. Die Aufnahme in den Club war streng reglementiert – man brauchte einen Fürsprecher. „Die alten Herren wollten uns zähmen und sagen, wo es langgeht“, erzählt Schweiger. „Das haben wir uns nicht gefallen lassen. Wir haben kleine Rebellionen angezettelt.“ Besonders dramatisch wurde es bei der Wahl des Jugendwartes: Als die Etablierten ihre Kandidaten durchsetzen wollten, revoltierten die jungen Segler und setzten sich durch.

Aufbau in Eigenregie

Zunächst segelten die Mitglieder am Hopfensee, wo im Frühjahr bessere Windverhältnisse herrschten. Baader erinnert sich: „Wir haben zu dritt ein Boot gekauft und über den Winter in einem eiskalten Schuppen hergerichtet. Dann haben wir es von der Spitalgasse bis zum Hopfensee gezogen.“ Die Hilfsbereitschaft der Etablierten hielt sich in Grenzen: „Die haben nur gelacht, wenn wir fast kenterten. Niemand hat uns gezeigt, wie Segeln geht.“

Der heutige Hafen in Ehrwang nahm seinen Anfang buchstäblich im Schlamm. Was heute eine Anlage mit 64 Wasser- und 90 Landliegeplätzen und einem traumhaften Blick auf Neuschwanstein ist, begann 1956 als winzige, von Hand aufgeschüttete „Minimole“. Stein für Stein bauten die Mitglieder in unzähligen ehrenamtlichen Stunden die Stege und das Clubhaus auf.

Die Revolution: Vom Holzboot zum Hochleistungssport

Ende der 1950er Jahre kam der Durchbruch: „Auf einmal sind Sperrholzboote aufgekommen. Leichte Schiffe“, berichtet Eugen Baader. „Flying Dutchman aus Holland, Fireball aus England – damit kam der Übergang vom gemütlichen Segeln zum Regattasport.“ Die jungen Wilden organisierten 1965 eine Deutsche Meisterschaft mit über 100 Booten am Forggensee. „Das war eine weiße Wolke, die da gekommen ist“, schwärmt Schweiger noch heute. Regatten waren damals echte Expeditionen. „Es gab ja kaum Autobahnen. Das waren Weltreisen.“

„Die Sicherheitsstandards waren primitiv. Wir hatten weder Schwimmweste noch Neoprenanzug“, berichtet Helmar Schweiger. „Nur sogenannte Jungking-Anzüge aus Holland, weiße plastifizierte Regenmäntel. Wenn die sich vollsogen, waren sie schwer wie Blei.“

Die Katamaran-Ära und Weltmeister

In den 1970er Jahren revolutionierten Katamarane den Sport. „Hartl Straubinger brachte den ersten Tornado nach Füssen“, erzählt Schweiger. „In kürzester Zeit hatten wir Regatten mit 56 Tornados.“ Der Club entwickelte sich zur Hochburg, richtete viermal Deutsche und Europameisterschaften aus. Aus den eigenen Reihen gingen Ausnahmetalente hervor: Bob Baier als mehrfacher Deutscher Meister im A-Cat, Gerd Griegel mehrfach auf dem Podium bei Deutschen Meisterschaften. Aktuell schreibt Estela Jentsch als dreifache Weltmeisterin in der Tornado-Mixed-Klasse Vereinsgeschichte.

Mit 90 noch auf dem Wasser

Was treibt einen 90-Jährigen noch aufs Wasser? „Die Leidenschaft“, sagt Schweiger. „Der Kampf um den Zentimeter. Der Ehrgeiz stirbt nicht.“ Wolfgang Baader segelt mit 87 noch drei Regatten pro Jahr. „Segeln ist Naturerlebnis. Der Kampf mit dem Wind, gegen den Gegner. Reine Konzentration über Stunden. Du darfst keine Minute unaufmerksam sein.“ Bei einer Regatta am Ammersee wurde er im vergangenen Jahr mit 30 Schiffen Sechster. „Der Beifall war größer als beim Sieger.“

Mit Kurs auf die Zukunft

Trotz aller Tradition bleibt der Club nicht stehen. Um den Verein für die nächsten Generationen attraktiv zu halten, öffnet sich der SCFF seit Jahren auch modernen Trends auf dem Wasser. Neben dem klassischen Regatta- und Fahrtensegeln haben längst auch das Windsurfen und Kiten ein festes Zuhause im Verein gefunden. Mit dieser Mischung aus sportlichem Ehrgeiz, familiärer Gemeinschaft und einer Prise Pioniergeist ist der Segelclub Füssen Forggensee bestens gerüstet für die nächsten Jahrzehnte auf dem Wasser.

Text: Sabina Riegger · Fotos: SCFF

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