Kolumne

600 Kilometer, ein Anruf

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte einfach auf mein Fahrrad steigen und losfahren, um meine Freundin zu sehen.

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Vor vielen Jahren lernten wir uns über unsere großen Kinder kennen. Damals waren die beiden gerade einmal drei. Musikalische Früherziehung nannte sich der Kurs, in dem wir uns zum ersten Mal begegneten:

Bei gewöhnungsbedürftigen Klängen, im Kreis tanzend, die Kinder an der Hand, lächelten wir uns zu. Die Jahre sind vergangen. Und mit ihnen auch die Kilometer zwischen uns. Inzwischen sind es über 600 und unsere großen Kinder werden bald 15. 

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Als vor drei Jahren der Umzug anstand, war ich unendlich traurig. Ich erinnere mich noch gut an den Tag des Abschieds.Ich war erst seit wenigen Tagen wieder zu Hause, es ging mir nicht gut. Langsam lief ich in Richtung unseres Gartenzauns, wo meine Freundin und zwei ihrer Kinder auf mich warteten.

In einem Drama wäre das der Höhepunkt, in dem alle Dämme brechen. Dicke, salzige Tränen würden auf das süße Popcorn tropfen und ihren Geschmack verändern. 

Warum muss es diesen Abschied geben, könnten wir uns fragen. Warum steht da diese Frau am Zaun und winkt dem Auto weinend hinterher, bevor sie von ihrer langen Naht im rechten Oberbauch zurück in die gebeugte Haltung gezwungen wird. Warum gibt es solche miesen Filme?

Wahrscheinlich hätte ich ihn mir nicht zu Ende anschauen wollen. Weil ich sauer gewesen wäre. Auf jeden und alles. Auf den Regisseur, das Leben, das Popcorn.

Aber leider war das kein Film, sondern das echte Leben. Ja, es tat sehr weh. Ich war sauer. Auf jeden und alles. Vermutlich, weil ich große Angst davor hatte, es könnte sich etwas an unserer Beziehung ändern und ihr schaden.

Aber so war es nicht. Nichts an unserer Freundschaft hat sich verändert, oder höchstens zum Guten. Sie ist scharfsinnig, ehrlich und tiefgehend. 

Antoine de Saint-Exupéry schrieb einmal, wahre Liebe bestehe nicht darin, einander anzustarren, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken. Ich glaube, für die Freundschaft gilt das Gleiche.

Die Entfernung zwischen uns hat mir gezeigt, wie echt diese Freundschaft ist. Denn wie bei allem im Leben sind die Prioritäten, die wir setzen, das Entscheidende.

Für das, was einem wichtig ist, findet sich Zeit. Und wenn es nur ein kurzer Moment ist. 

Wir führen zwei unterschiedliche Leben an zwei unterschiedlichen Orten. Und trotzdem verlieren wir einander nicht.

Ja, mehr als 600 Kilometer liegen zwischen uns, aber gleichzeitig ist meine Freundin nur einen Anruf entfernt. Ein Klingeln, ein Abheben und obwohl ich trotzdem manchmal auf mein Fahrrad steigen möchte, weiß ich, was unsere Freundschaft ausmacht: Die Entscheidung, das Dazwischen nicht größer werden zu lassen. 

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