Kolumne

Live On Air

Ich bin in München unterwegs. Im Auto läuft das Radio, die Nachrichten sind erdrückend. Es regnet in Strömen und die Lichter der Autoscheinwerfer, der Ampeln und der Leuchtreklamen der Geschäfte, Restaurants und Bars spiegeln sich in der Dunkelheit auf dem Asphalt.

Inzwischen läuft endlich wieder Musik. Die Nachrichten sind zu Ende. Der Krieg verstummt und auch die Sorgen und die Nöte. Wenigstens bis zur nächsten vollen Stunde oder bis zum nächsten Moment, in dem sich die Gedanken heimlich, aber mit voller Wucht wieder im Kopf festsetzen.

Der Verkehr ist noch immer zäh. Die Scheibenwischer trotzen den Wassermassen, so wie die Regenschirme der Leute auf der Straße. Ich drehe die „Foo Fighters“ lauter. Und ich muss daran denken, wie ich vor ungefähr 15 Jahren den Sender zum ersten Mal hörte. Ich erinnere mich noch genau: das war auf dem Weg durch den wilden Großstadtdschungel zu einem kroatischen Bistro, versteckt am Rande der Stadt.

Ich war mit diesem Kerl, einem musikvernarrten Teilzeitstudenten mit Vollzeitjob und tausenden CDs sowie diesem Studenten-Radiosender, der gerade ganz neu On Air ging, unterwegs. Er stellte ihn ein und es lief von „Audioslave“ über „Freundeskreis“ alles was mich glücklich machte.

Der Regen prasselt weiter aufs Autodach und noch immer stockt der Verkehr.
„Was macht dich in diesen Zeiten glücklich, Elise?“, fragt der Moderator seine Kollegin in der Radioshow. Ich stelle mir seine Frage auch. Er spricht von „diesen“ Zeiten, und ich überlege noch einmal mehr.

Ich weiß es. Ich weiß, was ich ihm antworten würde. Jim Morrison hat mal gesagt: „The most important kind of freedom is to be what you really are.“
Und genau das ist es. Ich kann sein, wer ich wirklich bin. Eine junge Frau mit Ängsten und Sorgen. Jemand, der nicht nur an heute denkt, sondern auch an morgen und umgekehrt.

Ein Mensch, der bei strömendem Regen im Auto sitzt und weint. Vor Dankbarkeit und vor Ehrfurcht. Vor allem in „diesen“ Zeiten. Mich macht diese Autofahrt glücklich, die Gedanken, der Regen, die schlafenden Kinder auf dem Rücksitz. Und der Mann, der wie vor 15 Jahren am Steuer sitzt und uns durch den Regen fährt.

So langsam löst sich der Verkehr. Es geht weiter…

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