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Ist es nur ein kleines Stimmungstief oder schon eine Winterdepression?

Wenig Sonne, wenig Grün in der Natur und nasskaltes Wetter – der Winter kann einem ganz schön aufs Gemüt schlagen. Ob Sie an einem Winterblues oder schon an einer Depression leiden, beantwortet Prof. Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe.

Wie erkenne ich eine Winterdepression?
Es ist wichtig zu wissen, dass die meisten Depressionen im Winter keine Winterdepressionen sind, sondern dass es sich um normale Depressionen handelt, die aber natürlich auch im Winter auftreten können. Viele Menschen denken, dass schlechtes Wetter so sehr auf ihr Gemüt drückt, dass eine Winterdepression entsteht. Doch so einfach ist das nicht. Meistens ist es so, dass bei den Betroffenen das ganze Jahr über Depressionen auftreten können.

Wie kann man eine Winterdepression von einer ganzjährig auftretenden Depression unterscheiden?
Die Qualität ist eine andere. Es gibt eine meistens weniger schwere Form, die auch in Kliniken nicht so häufig vorkommt. Die Winterdepression tritt nur im Winter auf, daher kann man sie als Winterdepression, beziehungsweise „saisonal abhängige Depression“ bezeichnen.

Diese Form hat ähnliche Diagnosekriterien wie die typische Depression, mit zwei Besonderheiten:

  • In der typischen Depression leidet man an einem Appetitsverlust. Nichts schmeckt mehr, man nimmt ab. Bei einer Winterdepression passiert eher das Gegenteil: Heißhunger und Gewichtszunahme treten auf.
  • Der andere Unterschied liegt im Schlaf: Bei beiden Depressionsformen kommt es zu Schlafstörungen, doch bei der typischen Depression sind die Betroffenen zwar müde, kommen aber nicht zur Ruhe. Sie schlafen nicht gut ein und auch nicht gut durch. Bei der Winterdepression ist es wieder umgekehrt: Die Betroffenen liegen zu lange im Bett und schlafen auch zu lange, haben eher eine verstärkte Schlafneigung.

Das sind die Unterschiede zwischen einer typischen und einer Winterdepression – abgesehen davon, dass Winterdepressionen nur im Herbst und Winter auftreten. Trotzdem ist es so, dass die meisten Depressionen im Winter keine Winterdepressionen sind.

Man spricht auch über den Winterblues. Inwiefern ist der anders als die Winterdepression?
Es kann häufig vorkommen, dass man in der Weihnachtszeit etwas nachdenklicher und melancholischer wird, sich ein bisschen mehr in sich oder den engeren Kreis zurückzieht. Man beginnt, mehr über das vergangene Jahr nachzudenken. Aber man ist noch genussfähig. Eine Herbst- oder Wintermelancholie ist eine ganz normale menschliche Reaktion, die ja auch ihren eigenen Reiz hat.

Eine Depression ist das Gegenteil. Eine melancholische Stimmung kann man dann gar nicht wahrnehmen. Man ist dann eher innerlich wie abgestorben. Trotzdem kann es auch bei einer Melancholie helfen, draußen spazieren zu gehen und seine Freunde zu treffen.

Wie häufig kommt eine Winterdepression vor?
Es sind nur etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, die tatsächlich an einer Winterdepression leiden. Sie sehen – die Winterdepression kommt wirklich sehr selten vor. Bei einer typischen Depression erkranken jedes Jahr etwa acht Prozent der Bevölkerung.

Wie kann eine Winterdepression denn überhaupt entstehen?
Die Ursachen dieser Depressionsform sind noch nicht hundertprozentig erforscht. Das fehlende Licht scheint auf jeden Fall eine Rolle zu spielen. Daher wird gerne eine Lichttherapie, zum Beispiel durch regelmäßige Spaziergänge oder Sport bei Tageslicht empfohlen, das tut meistens gut. Veränderungen im Melatonin-Spiegel wurden bisher jedoch bei Patienten nicht festgestellt.

Es spielt aber auch eine Rolle, dass man im Winter dazu neigt, sich mehr ins Bett zurückzuziehen. Der bisherige Schlaf-Wach-Rhythmus gerät ins Wanken. Nicht nur zu wenig, auch zu viel Schlaf kann die Stimmung verschlechtern und sogar noch mehr Müdigkeit auslösen. Schlafentzug kann daher auch ein Therapieansatz in der stationären Depressionsbehandlung sein. Plötzlich geht eine über Monate bestehende Depression weg – das Frühstück schmeckt wieder, die Patienten lächeln wieder und haben wieder Hoffnung.

Was hilft bei einer Winterdepression?
Bewegung und die Pflege von sozialen Kontakten können helfen, sich besser zu fühlen. Bei Tageslicht rauszugehen, tut sehr gut! Suchen Sie Ihren Hausarzt auf, wenn Sie merken, dass Sie massiv unter der Situation leiden und dass dieses Leiden nicht nur einen Tag lang auftritt, sondern wirklich über zwei Wochen. Natürlich auch, wenn Ihre Lebensqualität merklich beeinträchtigt ist und falls Sie der täglichen Routine nicht mehr nachkommen können. Das ist normal für eine typische Depression – dass man selbst die einfachen Dinge nicht mehr schafft.

Eine Depression sucht sich immer etwas, was sie vergrößern und ins Zentrum des Lebens des Betroffenen rücken kann. Man hat dann immer das Gefühl, dieses Etwas sei der Grund. Das kann ein Partnerschaftskonflikt sein, aber ebenso Stress im Beruf, ein Todesfall, ein Konflikt mit Kollegen und so weiter. Selbst, wenn dann diese eine Sache erledigt ist, findet die Depression wieder etwas Neues.

Häufig sind das Themen, die den Erkrankten bereits ein Leben lang begleiten. Behandelt man eine Depression mit Antidepressiva oder einer Psychotherapie, bestehen die Probleme weiter, sie sind aber wieder normale Teile des Lebens geworden. Zu verstehen, was in depressiven Menschen vorgeht, ist daher oft schwierig.

Das Verhalten einer depressiven Person, beispielsweise der Rückzug aus sozialen Beziehungen, ist nicht böswillig. Auch das sollte man sich bewusst machen, ebenso wie die Tatsache, dass an dem Zustand einer erkrankten Person niemand schuld ist. Schuld ist einzig die Depression.

Ein fester Tagesablauf hilft gegen Depressionen

Eine feste Struktur gibt Halt und hilft dabei, nicht zu sehr in Passivität und negative Gedanken zu verfallen. Versuchen Sie daher, Ihren Tag über Eckpunkte zu strukturieren, etwa über feste Zeiten fürs Aufstehen, Essen, Arbeiten, Lernen und Schlafen. Dabei sollten Sie auch Tätigkeiten einplanen, die Ihnen guttun, wie Spaziergänge, Sport und Treffen mit Freunden. Sinnvoll ist es, wenn Sie zusätzlich einen Wochenplan erstellen. Sie werden feststellen: Es fällt leichter, gute Vorsätze wie mehr Bewegung umzusetzen, wenn diese mit festen Terminen verbunden sind.

Vielen Menschen mit Depressionen fällt es allerdings sehr schwer, aktiv zu werden und Dinge zu unternehmen. Selbst einfache Alltagstätigkeiten, wie den Müll herauszubringen, können zur Herausforderung werden. In der Wahrnehmung der Betroffenen kostet alles sehr viel Energie. Die hieraus entstehende Passivität kann dann in einen Teufelskreis aus Einsamkeit, Selbstabwertung und depressiven Gedanken führen.

Daher gilt: Es ist in Ordnung, wenn Sie sich zeitweise schonen und Zeit für sich beanspruchen. Planen Sie dennoch Aktivitäten ein, die sich für Sie machbar anfühlen: Ein Gang zum Friseur, ein selbst gekochtes Essen. Wichtig ist dabei, dass Sie keine zu hohen Ansprüche an sich selbst stellen. Je schwerer die Depressionen sind, desto kleiner sind vermutlich zunächst Ihre Schritte. Beginnen Sie beispielsweise damit, regelmäßig spazieren zu gehen. Als Nächstes führen Sie vielleicht wieder Alltagstätigkeiten wie Einkaufen selbst aus. So gestalten Sie Ihr Leben nach und nach wieder aktiver.

Soziale Kontakte als Selbsthilfe bei Depressionen

Ein gutes soziales Netz trägt nachweislich dazu bei, Depressionen vorzubeugen und sie zu lindern. So können zum Beispiel regelmäßige Kontakte zu Familie und Freunden ein wichtiger Teil der Selbsthilfe sein. Manche Betroffene fühlen sich allerdings von Freunden und Angehörigen unverstanden – dann können sie sich alternativ in einer Selbsthilfegruppe austauschen. Hier treffen sie auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. So wird spürbar, dass die Depression eine Krankheit ist, die jeden treffen kann. In einem geschützten Rahmen können die Betroffenen Tipps für den Alltag austauschen und sich einander Mut zusprechen. Letztlich sind auch Aktivitäten in einer Gemeinschaft empfehlenswert, etwa die Mitgliedschaft in einem Sportverein.

Text: pm/FA · Foto: Envato

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