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„Hoffentlich heirat´ ich ned scho wieder eine Leich!“

Am 8. Februar 1792 erblickte in Mannheim, das vierte Kind Maximilian Josephs von Pfalz-Birkenfeld das Licht der Welt. Dass der stolze Vater in wenigen Jahren eine steile Karriere zurücklegen und als erster König den bayerischen Thron besteigen würde, ahnte damals noch niemand.

Die kleine Tochter erhielt den Namen Charlotte Auguste Karoline. Schon ihre Kindheit war durchzogen von vielen schicksalhaften Begebenheiten. Sehr früh, als Charlotte gerade einmal vier Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Kurz darauf musste ihre Familie aus der Heimat fliehen, da die dort ausgebrochenen Unruhen zu gefährlich wurden. Im Exil lernte Charlottes Vater die zwanzig Jahre jüngere Caroline von Baden kennen, in die er sich verliebte und sie kurz darauf heiratete. In der bildhübschen badische Prinzessin fanden Charlotte und ihre drei Geschwister eine liebenswürdige und herzensgute Stiefmutter, die ihre Stiefkinder wie ihre eigenen liebte.

Viele Jahre später, als Charlotte mit vierzehn Jahren ins heiratsfähige Alter kam, wurde ihr Vater zum ersten bayerischen König ernannt. Ein Schritt, der auch Charlotte und ihre Geschwister in den Fokus der Öffentlichkeit rückte.Die Erhebung zum Königreich hatte Bayern Napoleon Bonaparte zu verdanken, der Europa zu dieser Zeit nach seinen Wünschen umgestaltete. Nicht nur durch kriegerische Auseinandersetzungen versuchte Napoleon seine Ziele zu erreichen, auch strategische Verheiratungen standen auf seiner Agenda. Charlottes ältere Schwester Auguste gelangte als erste in den Sog dieser Heiratspolitik. Napoleon wünschte Augustes Vermählung mit seinem Stiefsohn Eugene de Beauharnais. Hätte Auguste dieser Hochzeit nicht zugestimmt, wären die Folgen für ihre Familie gravierend gewesen.

Als die Hochzeitsfeierlichkeiten in der Münchener Residenz begannen, hatte die Stiefmutter so große Angst, dass auch die junge Charlotte der napoleonischen Heiratsplanung zum Opfer fallen würde, dass sie ihre jüngste Stieftochter verstecken ließ. Während der gesamten Hochzeit wurde Charlotte nicht gesehen. Die Abwesenheit der jungen Prinzessin blieb nicht unbemerkt. Durch die Ausrede – Charlotte sei plötzlich schwer erkrankt – entschuldigte man ihr Fernbleiben. Doch aller Rettungsversuche der Stiefmutter zum Trotz, sollte auch Charlotte sehr unter der napoleonischen Heiratspolitik leiden, allerdings auf eine andere Weise als gedacht. Nicht nur die europäischen Prinzessinnen und ihre Eltern begegneten einer arrangierten Verheiratung auf Napoleons Wunsch mit Schrecken, auch die damaligen Prinzen versuchten alles, um zu entkommen. Der württembergische Kronprinz Wilhelm beispielsweise fasste den Entschluss, sich schnellstmöglich mit „irgendeiner“ Prinzessin zu vermählen, die er selbst wählen konnte. So kam Charlotte in sein Visier und schon bald hielt er um ihre Hand an.

Am 8. Juni 1808 fand die feierliche Vermählung der beiden in München statt. Es war eine sehr kühle Veranstaltung. Der Bräutigam verhielt sich seltsam. Selbst während der Zeremonie war er sehr distanziert gegenüber seiner Braut. Als das frisch gebackene Ehepaar die Münchener Hauptstadt gen Württemberg verließ, lehnte es Wilhelm vehement ab, in derselben Kutsche wie seine Frau zu fahren. Es wurde schnell klar, dass diese Ehe ausschließlich zum Schutz vor Napoleons Heiratspolitik geschlossen wurde. Zum großen Leidwesen der Braut. Ihre Stiefmutter berichtete: „Ihr Mann ist von eisiger Kälte. Ich begreife, dass er nicht verliebt sein kann. Warum hat er sie aber geheiratet, wenn er sich ihr nicht einmal nähern will? Er hat ihr nicht einmal die Hand gegeben, von Umarmung ganz zu schweigen.“ Die Eheleute sahen sich nur selten. Sie bewohnten zwar dasselbe Schloss, jedoch ließ Wilhelm die Wohnräume Charlottes so weit wie möglich von den seinen entfernt einrichten. Die Ehe wurde nie vollzogen.

Eine große Veränderung brachte Napoleons Sturz im Jahr 1814. Durch dessen Machtverlust gab es für Wilhelm keinen Grund mehr, an der Schutzehe mit Charlotte festzuhalten. Er ließ sich scheiden. Zwei Jahre später wurde die Ehe von Papst Pius VII. sogar annulliert. Die geschiedene Charlotte kehrte nach Bayern zurück und bezog in der väterlichen Residenz in München ein Appartement. In einer Zeit, in der eine Ehe eigentlich ausschließlich „bis dass der Tod uns scheidet“ bedeutete, wurde sie ihres Eheversprechens entbunden und musste in ihre Heimat zurückkehren. Oder war sie vielleicht sogar erleichtert und freute sich, dieser unschönen Situation entflohen zu sein?

Der nächste Ehemann ließ nicht lange auf sich warten. Charlottes Bruder, der spätere König Ludwig I., hatte bereits einen neuen Mann für seine kleine Schwester ausgesucht. Großherzog Ferdinand III. von Toskana sollte es werden, ein Bruder des österreichischen Kaisers Franz I.. Auch der österreichische Staatskanzler Fürst von Metternich hatte ein Auge auf die bayerische Prinzessin geworfen. Allerdings nicht für sich, sondern für den Kaiser selbst. Diese Brautwerbung unterschied sich maßgeblich von der ersten, denn diesmal durfte Charlotte mitreden und sogar mitentschieden, welcher der beiden hohen Herren ihre Hand erhalten sollte. Der Kaiser selbst oder dessen Bruder.

Charlotte entschied sich schließlich für Kaiser Franz I. von Österreich. Am 29. Oktober 1816 trat die nochmalige Braut in der Münchner Hofkapelle vor den Traualtar, allerdings ohne den Bräutigam. Dieser wurde durch Charlottes älteren Bruder Ludwig vertreten. Erst bei der Vermählungsfeier in Wien waren die vierundzwanzigjährige Braut und der achtundvierzigjährige Bräutigam vor dem Traualtar vereint. Der Kaiser soll im Hinblick auf diese Vermählung gesagt haben: „Hoffentlich heirat ich ned scho wieder a Leich!“ Für den deutlich älteren Franz I. sollte die Ehe mit Charlotte bereits die vierte werden. Die Ehefrauen eins, zwei und drei waren schon in jungen Jahren verstorben.

Die Ehe mit Charlotte blieb kinderlos, aber glücklich. Die bayerische Prinzessin, die von nun an Kaiserin von Österreich war, nannte sich fortan „Karoline“ und versuchte mit der Änderung ihres Rufnamens auch die württembergische Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Text: Vanessa Richter
Foto: Wikipedia

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