KulturLeben

Winterzeit

Allmählich werden die Tage wieder kürzer. Das nass kalte Wetter hält Einzug und prophezeit uns: Der Winter steht vor der Tür. Nicht mehr lange, dann fällt der erste Schnee. Für viele ist ein schneereicher Winter ein wahres Paradies. Es locken Skipisten, Langlaufloipen, Rodelbahnen und zugefrorene Seen. Nach dem Wintersport macht man es sich im heimischen Wohnzimmer gemütlich, das mancherorts sogar von einem Kachelofen beheizt wird. Dann wärmt man sich mit einem Tee, Kaffee oder einer heißen Schokolade. Der Winter birgt heutzutage keinerlei Entbehrungen mehr. Die Straßen werden vom Winterdienst eis- und schneefrei gehalten. Die Supermärkte sind randvoll mit Lebensmitteln und die Heizungen laufen auf Hochtouren.

In Zeiten des Königreichs Bayern sah das Leben während der kalten Monate noch ein wenig anders aus. Die Menschen mussten sich lange auf den harten Winter vorbereiten. Man kann sogar sagen, dass diese Vorbereitungen bereits im Frühjahr begannen. Dabei hatte die Landbevölkerung gegenüber den „Städtern“ einen gewissen Vorteil. Sie besaß meist die Möglichkeit, Teile ihrer Lebensmittel selbst anzubauen. Jeder Hof verfügte über einen Gemüsegarten und auch Streuobstwiesen waren weit verbreitet. Das geerntete Gemüse, das größtenteils aus Kartoffeln und Rüben aller Art bestand, wurde in Sandkisten oder dunklen „Kartoffelkellern“ gelagert oder eingekocht. Obst verarbeitete man zu Kompott, Marmelade, Likör oder anderen Köstlichkeiten, deren Rezepte oft bis in die heutige Zeit weitervererbt wurden. Ein großer Teil der Lebensmittelversorgung wurde so für den Winter gesichert.

Neben den Nahrungsmitteln für die Menschen durfte man das Heu und Stroh für die Tiere nicht vergessen. An beinahe jedem Hof gab es eine Kuh, Schafe oder Ziegen. Manche Bauern besaßen sogar einen Ochsen, der als Zugtier vor einen Pflug oder Wagen gespannt werden konnte und dadurch die harte Feldarbeit um ein Vielfaches erleichterte. Sehr wohlhabende Bauern konnten sich sogar ein Pferd leisten. Neben der Versorgung für Mensch und Tier zählte die Beschaffung von brennbaren Materialien zu einer der wichtigsten Vorbereitungen für den Winter. Holz wurde gehackt und Torf gestochen. Die Öfen der Höfe waren oft so angebracht, dass sie zwischen Stube und Küche verbaut waren. So spendete das Feuer, das man auf der Küchenseite im Ofen zum Kochen anschürte, auch Wärme in der Stube. Diese beiden Zimmer waren die Hauptaufenthaltsräume der gesamten Familie. In allen anderen Räumen herrschte oft klirrende Kälte. So war es nicht ungewöhnlich, dass sich die gesamte Familie, die meist aus mehreren Generationen bestand, im Winter ein Schlafzimmer teilte. Denn nur das Hauptschlafzimmer war durch Kaminzüge mit dem Küchenofen verbunden. Aber nicht nur Wärme und Lebensmittel waren im Winter knapp, auch das Licht. Ab vier Uhr nachmittags war es stockdunkel. Echte Kerzen konnte man sich nicht immer leisten und wurden daher nur sehr sparsam verwendet.

Wie unwirklich muss es für die Landbevölkerung gewesen sein, in dieser kalten und dunklen Jahreszeit einem beleuchteten Pferdeschlitten des Königs zufällig zu begegnen. Ein Vorreiter, in Livree gekleidet, mit einer brennenden Fackel in der Hand, preschte auf einem schnaubenden Vollblüter vorweg und kündigte das Herannahen des hohen Herrn an, der kurze Zeit später in seinem Pferdeschlitten vorbeifuhr. Nur ein kurzer Moment blieb dem zufälligen Betrachter, einen Blick auf den König zu werfen. Dieser saß in Felle und Decken gehüllt, den Hut tief ins Gesicht gezogen auf der Schlittenbank. Vier Schimmel zogen den vergoldeten Galaschlitten. Eine schier unwirkliche Besonderheit dieses Gefährts bildete die leuchtende Krone, die von zwei vergoldeten Putten getragen, vor der Schlittenbank angebracht war. Diese Krone erhellte nicht etwa eine Öllampe oder eine Kerze. Die Lampe wurde durch eine Glühbirne illuminiert. Den benötigten Strom hierzu lieferte eine Chromschwefelsäure-Batterie, die im Sitzkasten untergebracht war. Die elektrische Schlittenbeleuchtung, die insgesamt aus drei Lampen bestand, konnte mittels eines Schalters, der auf der Rückseite des Sitzkastens angebracht war, ein- und ausgeschaltet werden. Das war die Aufgabe des Pagen, der hinter der Schlittenbank stand. Dieser Schlitten gilt als eines der ersten elektrisch beleuchteten Fahrzeuge Deutschlands.

Auch weitere Galaschlitten nutze König Ludwig II. zur nächtlichen Ausfahrt, allerdings fast ausschließlich während seiner Landpartien um Hohenschwangau oder Linderhof. Hier erregten diese Ausfahrten großes Aufsehen. Die kurzen Momente, die man Ludwig II. erblicken konnte, schürten märchenhafte Erzählungen. Selbst die Presse schrieb darüber, wie ein kurzer Ausschnitt aus einem Artikel der Frankfurter Zeitung vom 26. Januar 1886 zeigt: „Der Winter ist im Gebirge mit seiner ganzen Pracht eingezogen … Am schönsten ist es in dieser Zeit in Linderhof, dem geheimnisvollen Trianon des Königs Ludwig. Auch bequemer ist in Linderhof und Umgebung der Verkehr als anderswo in den Bergen; denn Hunderte von Arbeitern sind täglich beschäftigt, insbesondere die herrliche Straße vom Schnee freizuhalten … Wie ein Zaubermärchen begegnet dem Wanderer hier und da die wunderbare Erscheinung des königlichen Schlittens, der meistens in stiller Nacht durch den Wald dahinfliegt. Man denke sich einen goldenen Schlitten mit Krone und Wappen, und mit einem vergoldeten Coupe der die Form eines Schwanes mit aufgeblähten Flügeln hat … Wie ein Blitz fliegt der goldene Schlitten vorüber, so dass man kaum Zeit hat, die Brillanten-Agraffe an dem Künstlerhute des Königs, oder die Uniform des jungen Chevaulegers neben ihm ins Auge zu fassen. Bald ist die Erscheinung hinter einer Biegung der Straße verschwunden.“

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in Hohenschwangau

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