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60 Jahre Amnesty International

Der Kampf um die Menschenrechte

Im Mai 2021 feiert Amnesty International (ai) 60-jähriges Bestehen. Gegründet wurde die weltweit größte Menschenrechtsorganisation 1961 von Peter Benenson. Als er in einem Zeitungsbericht von zwei portugiesischen Studenten las, die in Lissabon zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden waren, weil sie auf die Freiheit angestoßen hatten und die Diktatur kritisierten, ging ihm diese Meldung nicht mehr aus dem Kopf und er wollte etwas tun. Er veröffentlichte in der Zeitung „The Observer“ einen Artikel und forderte darin die Leser auf, mit Appellschreiben sich für die Freilassung politischer Gefangener einzusetzen. Die Resonanz war riesig und so entstand Amnesty International. Im Juni 1961 fand in Köln das Sommerfest des Kongresses für die Freiheit der Kultur statt und gleichzeitig die Gründung der deutschen Amnesty-Sektion. Heute hat Amnesty-International mehr als zehn Millionen Menschen in über 150 Ländern. Auf der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte setzen sie sich dafür ein, dass diese Rechte eingehalten werden. Auch in Füssen gibt es seit 1983 eine ai-Gruppe, die sich aktiv dafür engagiert. Barbara Reiners ist langjährige Sprecherin der Gruppe Lechtal. Im Gespräch mit unserem Magazin erzählt die ehemalige Grundschullehrerin über das ehrenamtliche Engagement ihrer Gruppe.

Was hat Sie persönlich bewogen, Amnesty beizutreten?
Ich kam bereits als Studentin mit Amnesty in Berührung und war begeistert von der Idee, sich gewaltlos für politische Gefangene einzusetzen. Mitglied und richtig aktiv dabei bin ich nun seit etwas über 35 Jahren. Die NS-Verbrechen haben mich als Jugendliche sehr bewegt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 sind mit Blick auf diese Gräuel im Dritten Reich entstanden. Ihr Ziel ist es, eine friedliche Weltordnung zu schaffen. Damit die Menschenrechte immer und überall umgesetzt und eingehalten werden, brauchen sie unsere Unterstützung. Wenn wir uns nicht für sie stark machen, bleiben sie Papier. Mir ist es ein Anliegen, nicht die Augen zu verschließen und sich gegen Menschenrechtsverletzungen aktiv einzusetzen.

Wie sieht genau Ihre Arbeit aus?
Unsere Gruppe trifft sich monatlich – zur Zeit leider nur online. Als Sprecherin koordiniere ich die Arbeit. Wir beteiligen uns an internationalen Kampagnen zur Durchsetzung der Menschenrechte. So haben wir uns in den letzten Jahren besonders mit den Themen Rassismus, Meinungsfreiheit, Menschen auf der Flucht und dem Schutz von MenschenrechtsverteidigerInnen auseinandergesetzt. Wir beschäftigen uns mit China und der Türkei als Länderschwerpunkte. Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist die Öffentlichkeitsarbeit, die leider im Moment aufgrund von Corona sehr eingeschränkt ist. Normalerweise organisieren wir Infostände, veranstalten Lesungen, Filmvorführungen, Ausstellungen und besuchen z.B. Schulen. Hauptsächlich wird die Arbeit von Amnesty ehrenamtlich geleistet. Das ist eine der Stärken und Säulen von Amnesty. Dabei unterstützen uns MitarbeiterInnen und Expert*Innen der Organisation mit ihren Ermittlungen, Berichten und Kampagnenausarbeitungen.

Sie machen immer wieder mit ihren Aktionen auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Wie erfolgreich sind diese Aktionen?
Hier erinnere ich mich gerne an den Briefmarathon 2015. Damals setzten wir uns im Rahmen der internationalen Kampagne u.a. gegen Früh- und Zwangsverheiratungen von jungen Mädchen in Burkina Faso ein. Insgesamt gingen mehr als eine halbe Million Briefe aus aller Welt bei der dortigen Regierung ein. Der Justizminister erklärte, dass sie sich durch die vielen Nachrichten zur Abschaffung gezwungen sahen.
Auch wenn unsere Erfolge selten so eindeutig sind, sind sie doch häufig sichtbar: Gefangene werden freigelassen, politische Morde werden untersucht, Folterungen eingestellt, Todesurteile umgewandelt, Untersuchungen eingeleitet oder medizinische Versorgung von Gefangenen gewährt. Unser Erfolgsgeheimnis: Menschenrechtsverletzer fürchten die Öffentlichkeit. Besonders erfolgreich sind die monatlichen „Briefe gegen das Vergessen“ sowie die Eilaktionen. Hier steht ein großes Netzwerk an Briefeschreiber*Innen dahinter. Informationen zu aktuellen Erfolgen kann man auch auf der Homepage nachlesen: www.amnesty.de/mitmachen/unsere-erfolge

Wie wird ein Fall zu einem „Amnesty International“-Fall? Ruft man bei der Organisation einfach an und erklärt die Situation? Wie ist dabei die Vorgehensweise?
Ja, Anstoß für eine Ermittlungsarbeit kann z.B. ein Hilferuf eines Betroffenen oder Zeugen sein. MitarbeiterInnen von Amnesty vor Ort ermitteln dann weiter. Sie sprechen mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen, ihren Angehörigen, AnwältInnen und prüfen den Wahrheitsgehalt des gesammelten Materials wie z.B. Zeugenaussagen, Gerichtsakten, medizinische Atteste sehr genau. Aus den Ermittlungen entstehen neben Einzelfällen und Aktionen auch der jährliche Bericht zur weltweiten Lage der Menschenrechte.

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Es gibt auch die sogenannten „urgent actions“, also dringende Fälle, die in einem Eilverfahren behandelt werden müssen. Wie kann Ihre Gruppe dabei helfen?
„Urgent actions“ sind weltweite Sofortappelle für akut gefährdete Menschen, denen beispielsweise Folter oder die Todesstrafe drohen. Unsere Gruppe setzt sich regelmäßig für solche Fälle ein. Wir versenden Briefe, nutzen aber auch E-Mails, Online-Petitionen und soziale Medien. Wir schreiben an die Direktoren der Gefängnisse, Minister, aber auch die Botschafter der jeweiligen Länder in Deutschland und bitten um Freilassung oder Haftverbesserungen für die Gefangenen.

In ihrem Flyer steht, dass Ihnen die Frauenrechte besonders am Herz liegen. Warum gerade Frauenrechte?
In vielen Teilen der Welt sind Frauen und Mädchen noch stark benachteiligt. Sie werden diskriminiert, haben schlechtere Chancen als die Männer und sind rechtlich benachteiligt. Dennoch sind es gerade die Frauen, die mir mit ihrem unglaublichen Mut und ihrer Hartnäckigkeit immer wieder besonders imponieren. Denken wir z. B. an die Mütter der Plaza de Mayo, die mit ihrem friedlichen Widerstand der Militärdiktatur in Argentinien die Stirn boten und seit über 40 Jahren jeden Donnerstag nach ihren verschwundenen Kindern fragen und die strafrechtliche Verfolgung der Täter fordern. Oder denken wir in jüngster Zeit an die Frauen in Belarus, die an der Spitze des Protestes standen.

Sie haben viel mit den Opfern zu tun: Für Sie sind diese Opfer nicht nur irgendwelche Namen irgendwo in der Zeitung, sofern darüber überhaupt berichtet wird. Sie haben einen ganz konkreten Kontakt zu ihnen. Wie findet dieser Kontakt statt bzw. wie kommunizieren sie?
Ja, unsere Amnestygruppe setzt sich besonders für den einzelnen Menschen ein. Wenn wir einen Fall übernehmen, begleiten wir diesen Menschen bis zur Freilassung. Seit Juli 2020 engagieren wir uns für den jungen türkisch-kurdischen Journalisten Nedim Türfent. 2015 noch mit einem Journalistenpreis geehrt, wurde er 2016 wegen seiner engagierten journalistischen Tätigkeit inhaftiert. 2017 ist er dann nach 13 Monaten Untersuchungshaft zu einer Haftstrafe von 8 Jahren und 9 Monaten verurteilt worden, obwohl Zeugen ihre unter Druck erzwungenen Aussagen widerrufen hatten. Fast zwei Jahre befand er sich in Isolationshaft. Inzwischen ist er bereits seit fünf Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis. Mit Appellpostkarten und regelmäßigen Briefen an den türkischen Justizminister sowie den Vorsitzenden der Menschenrechtskommission fordern wir seine Freilassung. Aber auch an ihn selbst ins Gefängnis richten wir Solidaritätsbotschaften. Es ist ein Glücksfall, dass er die Briefe erhält und antworten kann. Was ihm diese Solidarität bedeutet, betont er in jedem seiner Briefe. Ich bin immer wieder sehr davon gerührt, wenn er z.B. schreibt, dass ich mir gar nicht vorstellen könnte, wie dankbar er für meine Briefe ist, dass sie ihm Hoffnung geben und Licht in seine Zelle „in die tiefe Dunkelheit hinter diesen kalten Mauern“ bringen.

Wie verarbeiten Sie persönlich diese oftmals schwierigen Fälle, die nicht immer glimpflich ausgehen?
Wenn ich über schreckliche Menschenrechtsverletzungen lese, ist das für mich Anstoß zum Protest. Manchmal setze ich mich direkt hin und beteilige mich an einem Appell oder einer Protestaktion von Amnesty. Es gibt Berichte von Opfern, die ins Unerträgliche gehen. So ging mir ein Bericht eines Folteropfers aus dem syrischen Sednaja Gefängnis lange nach. Es ist neben der Gewalt besonders die Erniedrigung und Entwürdigung von Menschen, die ich so entsetzlich finde. Ich glaube, dass mich meine Arbeit für Amnesty eher empfindsamer gegenüber Ausgrenzung und Hassbotschaften gemacht hat.

Wie finanzieren Sie sich?
Amnesty ist unabhängig von Regierungen, Parteien, Ideologien, Wirtschaftsinteressen und Religionen. Um diese Unabhängigkeit zu sichern, finanzieren wir unsere Menschenrechtsarbeit allein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Als Gruppe zahlen wir einen festen Beitrag, den wir durch unsere Förderer und Sammelaktionen aufbringen. Das war gerade in den ersten Jahren nach Gründung der Gruppe schwer. Ich erinnere mich noch gut an die viele Arbeit, die wir uns machten, um zwei große Kunstausstellungen zugunsten von Amnesty auf die Beine zu stellen.

Glauben Sie, dass eines Tages eine Organisation wie „Amnesty International“ nicht mehr nötig sein wird?
Das bleibt wohl leider eine schöne Utopie. Die Menschenrechte stehen nach wie vor weltweit stark unter Druck. Die Welt wird immer komplexer. So muss sich Amnesty auch neuen Themen stellen wie z.B. der digitalen Überwachung, Drohnenangriffen oder der Klimaerwärmung mit ihren Folgen.

Welche Partner vor Ort benötigen Sie, um ihre Arbeit so effektiv wie möglich zu machen?
Menschenrechte sind unteilbar, universell und gelten für alle. Wir sollten sie kennen und im Blick behalten. Für die Umsetzung brauchen wir die Unterstützung jedes Einzelnen. Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken, dass wir in Füssen von so vielen Seiten bei Veranstaltungen wie am Infostand immer wieder tolle Unterstützung erfahren. Und mein Dank geht auch an Sie für ihr Interesse und die Möglichkeit, Amnesty hier vorzustellen.

Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen bei Ihrer Arbeit viel Erfolg.

Text · Foto: Sabina Riegger

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