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Dankbar für jeden Tag

Mona Vollmer ist ein fröhlicher Mensch. Eine taffe, junge Frau, die trotz ihrer Blindheit ihren Weg geht, der alles andere als einfach war. Heute steht sie mit beiden Beinen auf dem Boden, und hat das, was sie sich sehnlichst gewünscht hat: Einen Job. Seit fünf Jahren arbeitet sie in der Füssener Firma ISAS. Drei Vormittage in der Woche, in der sie sich rundum wohlfühlt. „Für mich ist das ein Glücksfall, ein großartiger Erfolg. Diese Selbstständigkeit in meinem Leben fehlte mir noch“, erzählt die zierliche Frau.

Dass sie einen Job bekam, hat sie ihrem HNO-Arzt Dr. Christoph Langer zu verdanken. Er war das i-Tüpfelchen, das alles ins Rollen brachte und seine Kontakte im Lions-Club nutzte. Sie ist dankbar über die so normale Behandlung an ihrem Arbeitsplatz. „Es ist ein gutes Gefühl dazuzugehören und eine Leistung erbringen zu können.“ Mutter Eve Sailer weiß, wie wichtig diese Normalität für die Selbstachtung und auch für das Selbstwertgefühl ist. Sie kennt die mitleidvollen Blicke, die an sie und ihre Tochter gerichtet werden. „Mitleid ist schlimm. Ich würde mir wünschen, dass Leute auf einen zugehen und fragen, aber ich verstehe, dass es Überwindung kostet, diese Hemmschwelle zu übertreten.“

Als Mona Vollmer zweieinhalb Jahre alt war, erkrankte sie an einem seltenen und kaum erforschten Gehirntumor. Ein Schweizer Professor war es schließlich, der sich traute sie zu operieren. Prognosen gab er keine ab. Zwölf Stunden lang dauerte die erste OP. Eine zweite folgte nur Monate später. Ein Sehnerv musste entfernt werden, während man den anderen Sehnerv versuchte teils zu erhalten. Eve Sailer erinnert sich, wie damals eine ganze Station in Großhadern für Mona ausgeräumt wurde, weil es keine Kinderstation gab. Zwei Jahre lang bekam sie Chemotherapien und Bestrahlungen und lag ganze drei Jahre im Krankenhaus. Als sie aus dem Krankenhaus kam, war die komplette linke Seite gelähmt. „Ich musste vieles neu erlernen. Das therapeutische Reiten hat mir dabei sehr geholfen“, erzählt sie. Reiten gehört heute noch zu ihren Hobbys, das sie mit ihrer Mutter teilt.

Die Bürokommunikationsgehilfin nimmt das Leben so, wie es ist und sie hat Spaß dabei. Wenn gutes Wetter ist, läuft sie zur Arbeit, fährt mit ihrem Roller oder nimmt den Kinderbuggy. „Der hat mich schon vor vielen blauen Flecken bewahrt“, erzählt sie fröhlich. Sie kann sich an ihm gut festhalten und ihre Einkäufe damit tätigen. Eine schlechte Erfahrung hat sie damit auch erlebt. „Eine Frau schimpfte, wie verantwortungslos es ist als Blinde ein Kind durch die Gegend zu fahren“. Mona Vollmer ist nicht auf den Mund gefallen. Sie kann sich wehren und Kontra bieten. „Mein Bruder und meine Mutter haben mir beigebracht, selbstbewusst zu sein. Aber da hatte ich keine Worte“, erzählt sie. Eine eigene Familie möchte die 29-Jährige nicht. Dafür hat sie einen klaren Standpunkt. „Die Verantwortung für Kinder ist mir zu groß. Ich kann mir auch nicht vorstellen, mit jemand anderem als meiner Mutter zusammenzuleben. Ich brauche alles an seinem gewohnten Ort, ansonsten würde ich mich in meiner Wohnung nicht mehr zurechtfinden.“

Gemeinsam mit ihrer Mutter lebt sie in einem Haus. „Wir haben so eine Art WG“, schmunzelt sie. Sie kann kochen, backen, waschen, einkaufen und sogar bügeln. Bei der Einnahme von Medikamenten braucht sie Hilfe. „Durch die lange Chemotherapie und die Bestrahlung sind meine Organe geschädigt – es ist ein Rattenschwanz. Ich habe Diabetes bekommen, deswegen war ich vor Kurzem in der Reha mit meiner Mutter, damit ich besser auf die Medikamente eingestellt werde.“ Dass sie so selbstständig ist und sich auch vieles zutraut, hat sie der Blindenschule in Schleißheim zu verdanken. Zwölf Jahre war sie dort und kam nur an den Wochenenden nach Hause. „Es war meine eigene Entscheidung. Ich wurde in der Förderschule gemobbt und ich fühlte mich unterfordert“, blickt sie zurück. Aus eigener Erfahrung rät sie deshalb Eltern, ihre Kinder in die für sie geeigneten Schulen zu schicken, um selbstständig zu werden und um das zu lernen, was sie für ihr Leben brauchen.

Ihr Hörsinn ist so ausgeprägt, dass sie einen Fußgänger oder Radfahrer kommen hört, noch bevor es ein Sehender wahrnimmt. Dass sie Bogenschießen kann, hört sich im ersten Augenblick etwas seltsam an, genauso wie Reiten, Fahrrad fahren oder Schlittschuhlaufen. Vor zwei Jahren hat sie sich ein zusammenklappbares E-Tandembike machen lassen. Sie kann Umrisse erkennen, sowie manche Farben, wie zum Beispiel königsblau, rot oder gelb. Trotz des innigen Verhältnisses zu ihrer Mutter und ihrem Bruder, hat jeder seine eigene Privatsphäre, um sich zurückzuziehen. „Dieser Freiraum ist enorm wichtig. Ich fahre auch alleine in den Urlaub nach Saulgrub, ein paar Mal im Jahr für einige Tage. Es gehört dem bayerischen Blindenbund und ist für Sehbehinderte und Blinde ausgerichtet. Da gibt es Workshops, wie Theaterworkshops, Luftgewehrschießwettbewerb, Jugendfreizeit,… .“

Dass sie bewusster leben, steht außer Frage. Für die Familie ist jeder Tag besonders. Nichts ist selbstverständlich. „Wir leben anders als die anderen, wir sind dankbar für jeden Tag“, sagt Eve Sailer.

Text · Foto: Sabina Riegger

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