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Schmieden ist Leidenschaft und Feuer

Der Schmied war früher einer der wichtigsten Berufe im Dorf. Schon lange gibt es keine Waffen-, Nagel- oder Messerschmiede mehr, geschweige denn einen Dorfschmied, der früher als Alleskönner galt. Statt Radnaben, Werkzeugen, Hufen von Ochsen und Pferden und Löchern in Kochtöpfen sind heute vor allem Kunstschmiedearbeiten, Zäune und Geländer gefragt.

Von Ohrenschützern hält Thomas Ruppel nichts. Er muss die Schläge hören, denn seine Ohren sind sein „Fühlorgan“. „Wenn man Musik hört, fühlt man den Ton auch. Und ich fühle und höre jeden Fehlschlag“, erklärt der 57-Jährige. Sein Filzhut, er war mal braun, ist sein Markenzeichen. Seit 30 Jahren hat er ihn während seiner Arbeit auf, nur im Sommer, dann, wenn es heiß ist, legt er ihn ab. Ruppel ist Bau-, Kunst- und Restaurationsschlosser, der sein Handwerk lebt. Noch fährt er jeden Tag 86 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz hin und zurück. Doch nicht mehr lange. Bald wird er in Pfronten leben, „dann sind die Wege nicht mehr weit“, freut er sich.

In den ehemaligen Hanfwerken hat er die alte Schmiede gemietet, ein wahres Schmuckstück mit großem Nostalgie-Charakter. Pläne und Zeichnungen liegen auf dem großen Tisch, dazwischen eine Zigarettenschachtel, Lineale und ein Bleistift. Der Wassertrog fehlt genauso wenig wie der große Industriehammer, der Amboss und die Kohlen. Zig rußgeschwärzte Zangen hängen über dem Ofen und der Geruch von Eisen und Feuer liegt in der Luft. In dem kleinen Raum nebenan sind Schrauben, Metall und viel Werkzeug. Mittendrin ein großer Bilderrahmen, in dem die Arbeiten von Thomas Ruppel abgebildet sind. Es sind Dinge, die man braucht und den Alltag erleichtern, aber auch solche, wo man denkt, sie brauchen zu müssen, wie Eisenschnecken oder Blumen. Der Raum ist eine Fundgrube, mit vielen kleinen und großen Schätzen, wie zum Beispiel dem selbstgeschmiedeten eleganten Messer.

Der große Industriehammer hinter der Türe ist aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein ohrenbetäubendes Monstrum, der das Eisen butterweich schlägt. Thomas Ruppel führt ihn vor. Eine Unterhaltung ist nicht mehr möglich, selbst ein Schreien geht unter. Doch unter den Schmieden gibt es Signale, die mit dem Schlagen auf dem Amboss getätigt werden. Schlägt der Schmied mehrmals mit dem Hammer schnell auf dem Amboss, ist es ein Rufzeichen für seinen Gesellen oder Helfer, um an einem Werkstück zusammenzuarbeiten. In der Werkstatt steht auch ein süddeutscher Amboss. Auf den ersten Blick sehen sich Ambosse ähnlich. Sie weisen die ganz typische Grundform auf. Doch die Anzahl der Amboss-Formen ist sehr vielfältig. Von Region zu Region und von Land zu Land verschieden. Die Hände von Thomas Ruppel sind von Ruß geschwärzt und sein Pullover mit Rauch getränkt. Dass er Schmied ist, sieht man an seinen Händen. Wie oft er auch seine Hände waschen mag, der Ruß unter seinen Fingernägeln wird bleiben, erst einmal schwarz und mit den Jahren wird er verblassen so wie ein Tatoo auf der Haut.

Thomas Ruppel gehört zu den Start-Up Firmen und Einmannbetrieben, die sich in den Hanfwerken in Füssen niedergelassen haben. Das alte Fabrikgelände mit seinen großen Hallen hat ein charismatisches Flair. Hier ist er einer unter Vielen, eine große Familie wie er meint und doch jeder für sich besonders. Als der Familienvater das erste Mal die Schmiede sah, gab es kein langes Überlegen oder Zögern. Dass er eine stillgelegte Schmiede auf Vordermann bringen kann, hat er schon einmal mit Erfolg bewiesen. Den Schritt ins Allgäu zu wagen hat er, jetzt nach fünf Jahren, nicht bereut. Seine Restaurationen an Eisenkreuzen und Geländern sind gefragt genauso wie seine Arbeiten im Innen- und Außenbereich von Häusern wie zum Beispiel schöne Treppengeländer, Zäune, Tore und vieles mehr. „Mittlerweile sind die Schnörkel wieder im Kommen. Zwischenzeitlich hatte das Schlichte die Oberhand“, erzählt der Oberbayer. So zu schmieden ist eine wahre Kunst. Da verwandeln sich schwere Eisenstangen in scheinbar federleichte Werke, die ineinanderfließen und verschmelzen.

Text · Foto: Sabina Riegger

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