Kolumne

Lauf der Dinge

Früher habe ich oft darüber nachgedacht, wie mein Leben wohl später einmal aussehen würde. Bis zur dritten Klasse ungefähr wollte ich Archäologin werden. Und nichts anderes ergab so viel Sinn, wie im Sudan, Ägypten oder in Amerika einen spektakulären Fund, in beigen Trekkinghosen und Sonnenhut, frei zu pinseln.

Aber nicht mehr lange, und ich hatte für Relikte, Pharaonen, Bronzezeit und Ausgrabungen nichts mehr übrig. Und ich entschied mich, die Trekkinghose gegen ein Skalpell zu tauschen. Ab jetzt war klar: Ich werde Ärztin. Und das wollte ich wirklich. So, wie ich auch immer Kinder wollte. Aber am besten ohne Mann. Anstelle eines Mannes wollte ich lieber eine Haushälterin. Außerdem wollte ich in einem alten VW T1 die ganze Welt bereisen.

Und ich wollte den Künstlernamen eines Rappers auf mein Handgelenk tätowieren lassen, in einem Reservat in Südafrika mit wilden Löwen zusammenleben und ein paar Jahre später wollte ich nach Uruguay auswandern. Ich wollte so schnell und ausdauernd wie die äthiopische Olympionikin Meseret Defar sein, um in einer Neuauflage von Forrest Gump gemeinsam mit Tom Hanks durch Nordamerika zu laufen.

Ich wollte den Jakobsweg gehen und bis Santiago de Compostela schweigen, danach Arabisch lernen und über Nacht Beine wie Elle Macpherson haben. Ich dachte, es wäre gut, an einem Tag in der Woche Ärztin aus Leidenschaft zu sein, damit mir noch genug Tage übrig bleiben, um alles andere auch sein zu können. Malerin, Schriftstellerin, Köchin und vor allem Mutter.

Heute denke ich zurück und ich bin froh, dass ich mich nicht für mein Handgelenk schämen muss. Und die Löwen – da bin ich mir sicher – hätten mich drei Minuten nach meiner Ankunft zerfleischt. Sie hätten gerochen, dass die Vegetarierin aus der Ferne sie niemals mit Antilopenrippchen gefüttert, sondern es mit Gemüsespießen versucht hätte.

Und was den Weg nach Galicien angeht, da bin ich mir sicher: Es wäre mir gelungen still zu schweigen. Die ersten hundert Meter auf jeden Fall. Danach wäre ich als lebendes Radio in die Geschichte des Pilgerwegs eingegangen.

Anstatt zu Wandern hatte ich genügend Zeit, mir die Sache „Haushälterin statt Mann“ nochmal durch den Kopf gehen zu lassen und vor zehn Jahren war ich sicher, den besseren Deal zu machen. Den Besten.

Jetzt bin 29 Jahre alt und ich kann meinem inneren Kind sagen: „Aus dir ist etwas geworden! Alles, was du jemals wolltest und noch mehr! Du bist jetzt jeden Tag Ärztin, Malerin, Schriftstellerin, Köchin, Entdeckerin und sogar Archäologin- Du bist Mutter!“

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