Kolumne

Demonstration

Oft sitze ich einfach da und beobachte meine Kinder. Ich sehe ihnen so gern zu. Wie sie reden, wie sie spielen, wie sie lachen. Ich sehe sie an und denke darüber nach, wie vielfältig sie sind. Sie sind nicht nur brav. Sondern auch frech. Nicht immer ruhig, sondern oft auch laut. Sie lachen so viel, und manchmal lachen sie sogar Tränen. Und manchmal, da schimpfen sie nicht nur, sondern fahren richtig aus ihrer Haut. Sie haben ein lautes Organ, sind leidenschaftlich, entschlossen und emotional.

Mein Mann sagt, das haben sie von mir. Emotionen… Ja, die kann ich. Wir sind das, was mein Mann hinter vorgehaltener Hand „Remmidemmi-Gang“ nennt.

Wir sind temperamentvoll und irgendwo zwischen Paprika und Jalapeño zuhause. Und manchmal, denke ich, sollten wir das große, flackernde Feuer unter unseren Hintern löschen. Oder zumindest wäre ein kleineres Lodern nicht schlecht.

Aber das war und bleibt schwierig. Der Schwierigkeitsgrad ist hoch. So hoch, als wollte Old Shatterhand Winnetou zu einem blonden Irokesen überreden.

Und was wäre Winnetou mit einem gefärbten Irokesen? Was würde aus seinem Kopfschmuck, seinen Federn? Was würde aus dem Bild von Winnetou und Iltschi im Galopp? Wie wäre seine Wirkung, sein Selbstwert? Was würde er fühlen? Oder Karl May?

Ich weiß nicht, ob Winnetou sich jemals zu einem Irokesen hätte überreden lassen. Und wahrscheinlich, werde ich es auch nie erfahren. Aber das ist okay, damit kann ich leben. Er wird mir nämlich immer mit seinen schwarzen langen Haaren im Gedächtnis bleiben. Und nur das zählt.

Und jetzt, wo ich über Winnetou nachgedacht habe, denke ich an unser Feuer und bin so froh, dass es uns warm und in Bewegung hält. Auch wegen neulich.

Das war so: Es war ein Samstagnachmittag. Tolles Wetter. Und eigentlich war es nicht geplant, aber auf einmal sind wir mitten drin. Mitten unter Menschen mit Plakaten und selbstgemachten Schildern. Mit Megaphon, Sprechchören und eingehakten Ellbogen sind sie auf dem Weg zum großen Finale- der Kundgebung gegen Hass und für Liebe. Gegen rechts und für Miteinander. Gegen Rassismus und für Flüchtlinge. Aus den großen Lautsprechern hallte die Musik. Die Menschen tanzen und bewegen sich zur Musik. Fahnen schwingen dem blauen Himmel entgegen. Zwischen Punks und Anzugträgern, Rollator und Kinderwagen stehen wir, die „Remmidemmi-Gang“. Unser Kind sieht uns an. Ballt die Arme in die Luft und ruft lauthals „Lie-be, Lie-be, Lie-be!“

Wir anderen Gang-Mitglieder wissen, was zu tun ist: Temperament zeigen. Gerade jetzt. Das können wir eh am besten…

Ihre Vivien Ademi

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