Kolumne

Film ab

Ich bin eine Träumerin. Das war ich schon immer. Wenn ich meine Augen schließe, dann läuft in meinem Kopf ein Film ab. Mein Film. Ich bin die Regisseurin, die Kamerafrau, die Cutterin, die Drehbuchautorin und manchmal auch die Schauspielerin darin. Manchmal fühlen sich diese Filme wie ein ganz besonderer Schatz an. Eine Kostbarkeit, die ich immer bei mir habe. Oben, in meinem Kopf, meinen Gedanken, meiner Phantasie.

Niemand kann Einfluss nehmen auf das, wovon ich gerade träume, niemand läuft einfach ungefragt durchs Bild, oder stört das Happy End.

Jemand Besonderes hat mal zu mir gesagt, ich hätte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Und wahrscheinlich stimmt das. Ich merke mir alles. Naja, jedenfalls viel. Ein bisschen bin ich so wie ein Schwamm: Ich sauge viel auf. Ich lasse mich dann treiben und bin ganz frei. So werden aus Erinnerungen, Wünschen und Sehnsüchten, manchmal aber auch aus Ängsten oder Sorgen, meine Filme.

Ich erinnere mich deswegen auch immer wieder an einen bestimmten Satz zurück, den ich früher als Kind einfach nur blöd fand. Heute sehe ich das anders. Weil ich inzwischen weiß, dass es wahr ist, wenn man sagt: „Die Zeit vergeht zu schnell.“ Und am schnellsten vergeht sie wohl mit Kindern. Einfach: Zu schnell. Ja, ich weiß doch, es hört sich pathetisch an…

Einer meiner allerliebsten Filme handelt davon- der Zeit. Er spielt im Oktober. Es war ein wunderschöner Morgen. Die Luft war kalt und frisch und die Wiesen mit Tau belegt. Am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen- er war strahlend blau. An diesem Morgen habe ich „Alles“ gefühlt. Und dieses „Alles“ gleichzeitig: Sorge, Glück, Hoffnung, Freude, Angst, Sehnsucht, Verwirrung, Zufriedenheit, Anspannung.

Aber vor allem unendliche, bedingungslose Liebe. Ich wurde zum ersten Mal Mutter. Mein großes Glück war keine drei Kilo schwer und gerade einmal 45 Zentimeter groß. Es war vollkommen.
Und wenn ich meine Augen schließe und diesen Film sehe, dann füllt sich mein Herz mit Glück, immer wieder, und es fühlt sich an, als wäre es gerade eben erst gewesen.

Dabei sind inzwischen fast sieben Jahre vergangen. Und mein Glück ist gewachsen, es wurde immer mehr, immer größer. Ja, ich glaube, ich bin eine von Glück umgebene Frau.

Und manchmal kommt die Zeit, die Veränderung mit sich bringt. Dann ist es wohl wieder Zeit für einen neuen Film. So wie jetzt.

Ich schließe meine Augen wieder. Mein Glück halte ich dabei ganz fest in den Armen. Und ich sehe ein wunderschönes, neugieriges Kind mit seiner Mama in der Hauptrolle. Die Mutter weint. Für ihre Tränen, ist wahrscheinlich wieder dieses „Alles“ verantwortlich. Und die Tatsache, wie „schnell doch wirklich die Zeit vergeht“: Ihr kleines Baby ist jetzt ein Schulkind.

Aber wie auch immer das mit der Zeit ist. Eins ist klar: Es wird alles gut werden. So steht es im Drehbuch…

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