Kolumne

Säugetier

Ich stehe vor unserem Badespiegel. Eigentlich will ich nicht hinsehen. Weil ich auch ohne mein Spiegelbild ahne, was mir gleich blüht, sobald ich meine schlafverquollenen Augen öffne. Und leider, meine Vorahnung wird wahr…

Jetzt stehe ich also hier. Und der erste Gedanke, der mir beim Blick in den Spiegel in den Sinn kommt, ist Courtney Love . Und mein zweiter Gedanke: Was macht die in meinem Spiegel?! Eigentlich bin ich das absolute Gegenteil von Courtney Love. Aber doch nur eigentlich. Zum Glück hat mich noch niemand so gesehen. Weil ich aussehe, als würde jede Faser meines Körpers mit größter Anstrengung die Unmengen von Gin der letzten Nacht extrahieren. Neben der Liebe zur Musik ist das wahrscheinlich das Einzige, was mich mit ihr verbindet. Dabei gab es aber letzte Nacht weder Grunge, noch Gin. Jedenfalls nicht für mich.

Ich habe bloß mein Kind gestillt. Gefühlt hundert Mal. Rund um die Uhr. Tag und Nacht. Immer und überall. Ich bin eine lebende Milchbar, 24 Stunden geöffnet. Ohne Ruhe und Feiertag.

Man sagt, durchs Stillen würde man die Schwangerschaftskilos blitzschnell wieder loswerden. Bei meinem Pensum habe ich mir richtig gute Chancen ausgerechnet. Aber Mathe war nie so meine Stärke. Und beim Stillen geht es ja auch nicht ums Abnehmen. Zumindest nicht für mich.

Es geht um Liebe, um Nähe, um Geborgenheit und Bindung. Und um „Liebes, Ihnen hängt da was raus“.

Seit ungefähr 470 Tagen bin ich dabei – im Club der Stillenden. Mein Busen ist inzwischen schon abgegriffen. Ein bisschen so wie ein Ausstellungsstück im Laden. Schön, aber mit Gebrauchsspuren.

Und so passiert es dann, dass ich nicht merke, wie mein Kind mir meine halbnackte Brust in aller Öffentlichkeit knetet. Stillen ist das Natürlichste der Welt. Also auch ein kleiner Busenblitzer. Oder plötzlich sichtbare, nasse, kreisrunde Flecken auf dem Oberteil in Höhe der Brustwarzen. Oder morgens im Spiegel Courtney Love in ihren schlechtesten Zeiten zu sehen. Das Gleiche gilt für Einkaufwagen schieben und nebenbei Stillen. Oder Haare föhnen und Stillen, Aufräumen und Stillen, Essen und Stillen oder Arbeiten und Stillen. Und so geht das weiter… Natürlich.

Weil #StillenLiebeist und ich ein Säugetier auf zwei Beinen bin.

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Dich auch interessieren

Close
Do NOT follow this link or you will be banned from the site!
Close

Werbeblocker erkannt

Bitte unterstütze uns, indem Du den Werbeblocker auf unserer Seite abschaltest.