Kolumne

Gans Multikulti

Eigentlich erzähle ich immer ganz stolz, dass meine Wurzeln im Süden Europas liegen. Da wo es warm ist, die Sonne scheint, die Menschen sich anmutig ihren selbstgebrannten Slilowitz reinpfeifen, die beste Freundin der Mutter automatisch als Tante der Kinder gilt und natürlich zur Familie gehört, Essen in großer Runde Nationalsport ist und die Menschen mehr mit Händen und Füßen, nein, mit ihrem ganzen Körper sprechen als mit Worten.

Das sind meine Wurzeln. Theoretisch. Praktisch treffen bei mir aber Knoblauch auf Schupfnudeln und Pünktlichkeit auf Siesta. Ich bin eben nur eine Light Version. Geboren im Ländle und in der Welt zuhause.

Meine Schulfreundin und mich verbindet genau das. Nur ist sie Türkin, ich nicht. Das macht aber nichts. Ganz im Gegenteil, wir verstehen uns trotzdem. Eigentlich…
„Niye yapmiyim ki!“ schreit sie mich auf einmal durchs Telefon an.

„Wo ist dein Sinn für Multikulti hin?!“, schimpft sie mich weiter. Wieso sollte der weg sein? Gleiche Welle, gleiche Stelle: Leibhaftig am anderen Ende der Leitung, versichere ich Ihr.
Obwohl ich keine Ahnung habe, wie wir den Spagat zwischen Weihnachten und Maronensüppchen und offensichtlich hochbrisanten interkulturellen Themen schaffen. Ich glaube, es sind die Maronen.

„Soll ich lieber eine Kürbiscremesuppe machen?“
„Nein, du sollst aufhören so verbohrt zu sein!“
„Wie jetzt, verbohrt? Dann Kartoffelsuppe?!“

„Wenn DUHU bei deiner Konfession ein ‚Römisch‘ vor das Katholisch setzt und mit Butterbreze in der Hand auf Bosnisch fluchst, dann darf ich auch zu Weihnachten eine Gans mit Topinambur machen. Ohne römisch. Ohne katholisch“, sagt sie.

Jetzt weiß ich es: Nach Maronensüppchen kam die Gans. Und Topinambur. Und meine Frage: „Wirklich, Ihr macht jetzt ein Weihnachtsessen?“
„Du hast mich ja vorhin nicht aussprechen lassen“, schimpfe ich sie zurück. „Und was hast du da vorhin eigentlich auf Türkisch gesagt?“, frage ich.
„Wieso sollte ich das denn nicht machen“, übersetzt sie mir.

„Siehst du, die Erbsen-zählende-Korinthenkackerin mit Vorliebe für Suppen wollte dir nur zustimmen: Gans Multikulti zum Fest der Liebe klingt toll!“

Wir sind uns einig: Hauptsache ein frohes Fest und viel Liebe. Alles andere: Gans egal…

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