Menschen

50 Jahre. Zwei Sprachen. Zwei Heimaten. Eine Geschichte.

Es beginnt mit einer Zeitungsanzeige. Eine junge Frau möchte ihren Ford Capri verkaufen – grün lackiert, weiße Streifen, schwarzes Dach. Ein junger Mann aus Nordmazedonien meldet sich. Ihm gefällt das Auto, aber noch viel mehr die Frau. Er verliebt sich in sie. War es „Liebe auf den ersten Blick“? Dimitri Donevski überlegt kurz. „Ja, kann man so sagen.“ Marie Donevski nickt und lächelt so, wie man lächelt, wenn man eine Antwort schon 50 Jahre lang kennt. „Bis heute hat er das Auto bei mir nicht abbezahlt. Dafür habe ich einen Mann fürs Leben bekommen“, lacht sie.

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Am 18. Oktober feiern die beiden in Füssen ihre goldene Hochzeit. 50 Jahre. Ein halbes Jahrhundert. Und wenn man den beiden zuhört, dann versteht man schnell: Das ist keine Geschichte über Glück. Das ist eine Geschichte über Mut, Arbeit, Heimweh und eine Liebe, die aus zwei Menschen in der Fremde ein Zuhause gemacht hat, wie es Dimitri Donevski ausdrückt.

Füssen, Anfang der 1970er Jahre. Marie Donevski kam 1968 aus der Tschechoslowakei. Nicht freiwillig – die sowjetischen Panzer machten die Entscheidung für sie einfach. Ihr Onkel, ein bekannter Eishockey-Trainer beim EV Füssen und zu dieser Zeit eine stadtbekannte Persönlichkeit, holte sie nach Bayern. Sie kam ohne Deutschkenntnisse, ohne Plan, ohne viel mehr als den Willen, irgendwie anzukommen. Einen Sprachkurs besuchte sie nie. Trotzdem lernte sie so schnell Deutsch, dass sie schon bald für andere tschechische Flüchtlinge übersetzte.

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Dimitri Donevski reiste 1969 zum ersten Mal als Austauschschüler nach Deutschland – mit 19 Jahren, neugierig und voller Pläne. Er hatte eine Ausbildung als Landwirt gemacht und kam auf die Insel Mainau, wo er weiter viel über Landwirtschaft lernte. 1971 kam er wieder nach Deutschland, diesmal um zu bleiben. Er arbeitete auf Baustellen, später als LKW-Fahrer bei einem Füssener Baustoffhandel, wo er sich als außergewöhnliches Verkaufstalent erwies.

Heiraten mit 360 Gästen

Die Hochzeit findet 1974 statt. Erst standesamtlich in Füssen, dann mit einem großen Fest in Nordmazedonien. „Wir haben drei Tage mit 360 Gästen gefeiert“, erzählt Dimitri Donevski nicht ohne Stolz. Er ist der erste in seinem Dorf, der eine Frau aus dem Ausland geheiratet hat: blond und groß, anders als die Frauen vor Ort. „Jeder wollte sie sehen. Es war verrückt“, erinnert er sich an die Zeit zurück. Sie mussten ihre beiden Kulturen erst einmal auf einen Nenner bringen. Dazu gehörte auch die Sprache. Dimitri spricht mazedonisch, Marie tschechisch. Zuhause sprechen sie oft deutsch miteinander – eine gemeinsame Sprache, die sie verbindet.

Ein Leben für die Arbeit – und für andere

Auf die Frage, was sie 50 Jahre zusammengehalten hat, antworten die beiden nicht mit großen Worten: Fleiß und Zuverlässigkeit und ihre gemeinsame Geschichte.

Marie Donevski arbeitete jahrelang als Nachtschwester im Krankenhaus Füssen und tagsüber in einem Pflegeheim. Zwischendurch waren sie auch selbstständig – zuletzt mit einem Café in Füssen West. Mit der Selbstständigkeit hatten sie weniger Erfolg. „Wenn man selbstständig ist, dann sollte man auch im Geschäft sein. Das waren wir nicht, weil wir unsere anderen Jobs noch hatten“, erklärt Marie Donevski. Traurig ist sie nicht darüber. Es ist ein Kapitel ihres Berufslebens gewesen, eine Herausforderung, die sie so meisterten, wie es nur möglich war. „Wir haben viel daraus gelernt“, so das Ehepaar.

Dimitri fuhr 38 Jahre lang Bus – zunächst für private Unternehmen, dann für die Post, schließlich für die RVA. Seine Fahrgäste liebten ihn und nannten ihn „Amigo“. „Das schmeichelt mir heute noch“, gibt er zu. Wer möchte bitteschön nicht als Freund bezeichnet werden? Für einen Menschen vom Balkan ist das eine Ehre.

Nebenbei war Dimitri Donevski aktiver Fußballspieler und arbeitete sich als Schiedsrichter bis in die 2. Bundesliga hoch, bis ein Knieschaden alles beendete. Vor vier Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Fahrgäste darf er seitdem keine mehr befördern. Aber vom Betriebshof wegbleiben kann er trotzdem nicht. Er arbeitet im Hintergrund. „Ich kann nicht aufhören“, sagt er. „Arbeit ist mein Leben.“ Das glaubt man ihm sofort.

Unterstützung für die Familie

Für Dimitris Familie in Mazedonien gab das Paar im Laufe der Jahre immense Summen aus – für kranke Geschwister, für Operationen, für Hochzeiten. Wohnungen wurden verkauft, Ersparnisse aufgelöst. Vieles davon kam nie zurück. „Sie dachten, in Deutschland ist alles einfacher und man verdient viel Geld und muss nichts dafür tun.“ Dimitri sagt das ohne Bitterkeit. Einfach so. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Heute noch haben sie ein Haus in Nordmazedonien, etwa 80 Kilometer östlich von Skopje entfernt. Es ist ein schönes Haus mit einem großen Grundstück und viel Wald. „Wenn es hier Probleme geben sollte, hätten wir dort einen Zufluchtsort“, so Dimitri, der vor drei Jahren einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft stellte. Er wartet immer noch auf dessen Anerkennung.

Nach Tschechien – Maries Heimat – will Dimitri nicht. „Dabei wären wir von meiner Familie herzlich willkommen. Sie mögen Dimitri sehr“, erzählt Marie Donevski. Ein zweites Mal eine Heimat verlieren, das will Dimitri nicht. „Er hat ja Recht. Wir haben hier unsere Freunde, unser Leben und unsere verwöhnte Katze. Irgendwie geht alles“, so die 75-Jährige.

Ob sie wohl noch die damalige Zeitungsanzeige aufgehoben hat? „Nein, das habe ich nicht. Ich wusste ja nicht, dass ich, anstatt das Auto zu verkaufen, einen Mann bekomme“, und lacht aus vollem Herzen.

Text · Foto: Sabina Riegger

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