Kolumne

Youssef und Dženan

Es war schon später Nachmittag, als das Flugzeug in Marokko landete. Draußen vor dem Flughafen Marrakesch-Menara standen viele Taxen und Transfer-Anbieter, die auf Reisende wie uns warteten. Männer mit Warnwesten und Sonnenbrillen hielten Schilder mit Namen in die Luft, um sich für die ankommenden Gäste sichtbar zu machen. Es war laut und heiß. Die Luft roch erdig nach Sand, Staub und Benzin.

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Inmitten einer Traube von Menschen liefen wir aus dem Gebäude. Es schien, als wüsste jeder außer uns, wohin er laufen sollte. Die anderen steuerten entweder Schilder mit ihrem Familiennamen oder die mit dem Namen ihres Riads an. Andere liefen zielstrebig auf ein Taxi zu und stiegen ein. Die trockene Hitze machte mir sehr zu schaffen. Ich sah an mir runter. Mein Kind schlief ruhig im Tragetuch, das ich mir schon am Morgen um den Oberkörper gebunden hatte. Ich war aufgeregt, mein Herz klopfte wie wild. Es war eine Mischung aus Aufregung, Müdigkeit und Überforderung. Ich hatte Sorge, meine Aufregung würde mir gleich aus der Brust hüpfen, an der mein Baby doch so seelenruhig lag und schlief.

Auf den Parkflächen standen noch übrig gebliebene Taxen und Kleinbusse zwischen den Kakteen und Pflanzen. Ich setzte meinen Rucksack wieder auf, lief auf einen hellen Dacia zu und verhandelte mit dem Fahrer den Preis. Das Ziel war die Medina. Oder jedenfalls deren nähere Umgebung. Der Fahrer, ein Mann mittleren Alters, sprach gut Englisch. Er sah sehr freundlich aus. Er war gepflegt und roch nach einem schweren Männerduft, der mich an Weihnachten erinnerte. Seine Zähne strahlten heller als sein gebügeltes, weißes Kurzarmhemd. Ich war froh, an Youssefs Taxi zu stehen. Ich hatte sofort ein gutes Gefühl bei ihm und so stiegen meine Familie und ich ein. Die Klimaanlage lief und wir fuhren los.

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Youssef drehte die Musik leiser und wir unterhielten uns. Je weiter wir uns vom Flughafen entfernten, desto chaotischer wurde der Verkehr. Große Reisebusse fuhren an uns vorbei. Auch Kutschen, überladene Motorräder und alte, in die Jahre gekommene Geländewagen, quetschen sich durch die Straßen. Andauernd wurde gehupt und mir schien, als würde das Warnblinklicht zu Kommunikationszwecken zwischen allen Beteiligten dienen.

Mit einer Hand hielt ich mich fest und mit der anderen Hand den Kopf meines Babys. Youssef hatte weder eine Babyschale noch einen Kindersitz im Auto. Auch sonst niemand, wie er beteuerte. Ich hatte Angst, ein Pferd würde uns rammen, oder die ungesicherte Fracht auf dem Mitsubishi-Pritschenwagen vor uns würde bei der nächsten Bremsung ungesichert durch Youssefs Frontscheibe donnern.

Er betrachtete mich durch den Rückspiegel und lächelte mir zu: „Don‘t worry, ok?!” Ich wollte ihm glauben. Es war, als wäre ich Statistin in einem Roadmovie. Hinter den verdunkelten Fensterscheiben des Taxis lag eine andere Welt. Beinahe surreal. Wild und bunt, chaotisch und doch irgendwie geordnet. Ich sah dem Treiben zu. Ich wollte alles über diese Welt da draußen erfahren und aufsaugen.

Ich nahm die Musik wieder wahr, die von vorne zu mir auf die Rückbank schallte. Und es war, als würde sich alles langsam legen. Die Aufregung und die Anspannung. Ich hatte keine Angst mehr. Ich war angekommen. Ich spürte, wie mein Kind wach wurde und sich bewegte. Ich sah runter. Seine großen, dunklen Augen sahen mich an. Es lächelte und mein Herz hüpfte. Es lag da, in diesem grauen Tuch an meinen Körper gebunden, und sah mich an. Es schien, als genügte ihm das. Die Kinder vertrauten uns, ohne zu wissen, wo wir waren, oder wohin die Reise gehen würde. Unser großes Kind war aufgeregt und voller Tatendrang. Es wollte am liebsten sofort anhalten und sich ins Getümmel stürzen. Die Arme meines Mannes hielten ihn davon ab.

In diesem Moment verstand ich, wie wertvoll und wichtig es ist, loszulassen und vertrauen zu können. Ich wollte das auch können. Und so gab ich mich hin. Wir kamen an einer trubeligen Straße zwischen der Stadtmauer und der Medina an. Ich sah in die enge Gasse, durch die wir gleich gehen mussten. Es roch nach einer Mischung aus Leder und Zimt, nach frischem Brot und Abgasen. Youssef lief uns noch nach und steckte uns seine Nummer zu.

Er wurde zu unserem Begleiter während dieser Reise. Eine Reise, die inzwischen neun Jahre zurückliegt, aber für immer unvergesslich bleibt. In ein Taxi zu steigen, ist für mich eine größere Sache als wohl für die meisten anderen Leute. Ich muss meine Angst überwinden und die Kontrolle abgeben. Aber ohne Vertrauen bleibt man doch stehen, während das Leben vorbeizieht, oder? Und das will ich nicht. Also stehe ich gerade wieder vor einem Taxi. Und gleich steigen wir gemeinsam zu Dženan ins Auto. Hier in Bosnien…

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