
65 Jahre Amnesty International
Menschenrechte beginnen vor der eigenen Haustür
Seit 1961 kämpft Amnesty International weltweit für Menschenrechte – mit Erfolg. Auch in unserer Region gibt es seit über 40 Jahren engagierte Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Freiheit einsetzen. Wir haben mit Betty Reiners, Sprecherin der Amnesty-Gruppe Lechtal (Füssen-Schongau), über Briefaktionen für politische Gefangene, Schulbesuche und digitale Kampagnen gesprochen.
Die Amnesty-Gruppe Lechtal ist Teil eines weltweiten Netzwerks mit über zehn Millionen Unterstützer*innen in mehr als 150 Ländern. Seit über 40 Jahren setzen sich die Mitglieder vor Ort vor allem für gewaltlose politische Gefangene ein – Menschen, die dafür bestraft wurden, dass sie auf Gewalt, Folter oder Diskriminierung aufmerksam gemacht haben. „Wir begleiten Einzelfälle mit dem Ziel, eine frühere Freilassung zu erreichen oder zumindest die Haftbedingungen zu verbessern“, erklärt Betty Reiners. „
Wir schreiben Briefe, schicken Päckchen ins Gefängnis und wenden uns an Ministerien, Botschaften und die Bundesregierung.“ Aktuell liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf der Türkei. Darüber hinaus beteiligt sich die Gruppe an Amnesty-Kampagnen gegen die Todesstrafe und Folter sowie für Flüchtlingsschutz und Frauenrechte. In den letzten Jahren sind Themen wie digitale Menschenrechte, Klimagerechtigkeit und der Kampf gegen Rassismus stärker in den Fokus gerückt.
Die Gruppe trifft sich einmal im Monat, um Aktionen zu planen und sich über aktuelle Kampagnen auszutauschen. Derzeit arbeitet sie insbesondere zu den Ländern Türkei und China. Ein aktueller Schwerpunkt ist die Kampagne „Ausgebeutet und im Stich gelassen“ für menschenwürdige Arbeitsbedingungen von Textilarbeiter*innen in Bangladesch, Pakistan und Sri Lanka.
Ein wichtiger Bereich ist die Öffentlichkeitsarbeit: Die Gruppe sucht den Austausch mit lokalen Akteurinnen, spricht Politikerinnen an und engagiert sich in der Bildungsarbeit an Schulen. Im Mittelpunkt der Türkei-Arbeit steht derzeit Mine Özerden, eine mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilmerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie wurde im April 2022 wegen angeblicher Beihilfe zu einem versuchten Staatsumsturz zu 18 Jahren Haft verurteilt – ohne dass je belastbare Beweise vorgelegt wurden.
Erfolgsgeschichte: Nedim Türfent
Dass lokales Engagement tatsächlich etwas bewirken kann, zeigt die Geschichte des türkisch-kurdischen Journalisten Nedim Türfent. Er wurde 2016 wegen seiner Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Ab 2020 setzte sich die Gruppe für ihn ein und stand regelmäßig im Briefkontakt mit ihm – bis zu seiner Freilassung Ende 2022.
„Nach seiner Entlassung konnten wir ihn zu einem Vortrag nach Füssen einladen“, erinnert sich Reiners. „Dort berichtete er, dass sich seine Haftbedingungen verbessert hätten, seitdem er unsere Briefe erhielt. Vor allem hätten ihm die Nachrichten von außen neue Kraft und Mut gegeben.“ Aus diesem Kontakt ist eine freundschaftliche Verbindung entstanden.
Mitmachen – einfach und unkompliziert
Besondere Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, um bei Amnesty mitzumachen. „Politisches Interesse und Offenheit sind hilfreich“, so Reiners. „Wie viel Zeit man einbringt, kann jede*r selbst entscheiden.“ Für Interessierte gibt es jeden letzten Donnerstag im Monat um 19 Uhr ein digitales Einsteiger*innentreffen (Anmeldung: forms.office.com/e/3F3gSc6FRg). Junge Menschen bis 28 Jahre können sich bei der Amnesty-Jugend engagieren (amnesty-jugend.de).
Warum lokales Engagement so wichtig ist
„Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit – sie müssen immer wieder eingefordert und verteidigt werden“, betont Betty Reiners. Besonders angesichts wachsender populistischer und nationalistischer Strömungen sei es wichtig, Haltung zu zeigen – auch im eigenen Umfeld.
„Menschenrechte beginnen ‚an den kleinen Orten, nahe dem eigenen Zuhause‘, wie es Eleanor Roosevelt einmal formuliert hat“, sagt Reiners. „Dafür braucht es eine engagierte Zivilgesellschaft die sich für Gerechtigkeit, Freiheit und die Würde jedes Menschen einsetzen.“
Kontakt:
Amnesty-Gruppe Lechtal (Füssen-Schongau)
Infos und Mitmachangebote: amnesty.de/mitmachen
Text: Sabina Riegger



