Gesundheit

Wege zu besserem Schlaf durch natürliche Reize und vegetative Balance

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen unserer Zeit. Millionen Menschen leiden unter Ein- oder Durchschlafproblemen, fühlen sich tagsüber erschöpft und verlieren langfristig ihre Belastbarkeit. Während viele Betroffene zu Medikamenten greifen, wächst das Interesse an natürlichen Methoden, etwa der Hydrotherapie nach Sebastian Kneipp. Einer, der sich wissenschaftlich wie praktisch intensiv damit beschäftigt, ist Andreas Eggensberger, Master of Science in Physiotherapie und Studienleiter am Therapiezentrum Eggensberger in Füssen. Im Gespräch erklärt er, wie Wasseranwendungen die Schlafqualität verbessern können, welche Rolle das vegetative Nervensystem spielt und wie sich mit einfachen Ritualen gesunder Schlaf fördern lässt.

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Herr Eggensberger, warum ist gutes Schlafen heute für so viele Menschen schwierig geworden?
„Unsere moderne Lebensweise bringt das vegetative Nervensystem aus dem Gleichgewicht. Wir stehen unter Dauerstress, sind digital rund um die Uhr erreichbar und gönnen uns zu wenig echte Erholungsphasen. Das führt dazu, dass der Sympathikus – der Teil unseres Nervensystems, der für Aktivität zuständig ist – ständig aktiv bleibt. Der Parasympathikus, der für Regeneration verantwortlich ist, hat kaum noch Gelegenheit, seine Wirkung zu entfalten. Schlafstörungen sind oft keine Krankheiten im klassischen Sinn, sondern Ausdruck dieser Dysbalance. Hier setzt die Hydrotherapie an: Sie trainiert Rhythmus und Umstellungsfähigkeit des vegetativen Systems – wichtige Voraussetzungen für gesunden Schlaf.“

Sie haben eine Studie zur Hydrotherapie bei Schlafstörungen durchgeführt. Was konnten Sie herausfinden?
Wir haben in einer randomisierten, dreiarmigen Studie untersucht, wie sich eine 12-wöchige Hydrotherapie nach Kneipp auf Patientinnen und Patienten mit nicht-organischen Schlafstörungen auswirkt. Es gab eine ambulante Interventionsgruppe, eine stationäre Gruppe mit einer einwöchigen Lehrwoche und ein anschließendes Heimprogramm sowie eine Wartegruppe ohne Behandlung. Die Ergebnisse waren sehr eindeutig: In beiden Behandlungsgruppen verbesserten sich Schlafqualität, Wohlbefinden, Blutdruck und Herzfrequenzvariabilität signifikant. Am Studienende wies keine Person der Interventionsgruppen mehr die Kriterien einer chronischen Schlafstörung auf. Das zeigt, dass Hydrotherapie nicht nur subjektiv als wohltuend empfunden wird, sondern messbare Effekte auf physiologische Parameter hat.“

Wie wirkt Hydrotherapie auf den Körper?
„Hydrotherapie basiert auf dem Wechsel zwischen warmen und kalten Reizen. Warmes Wasser erweitert die Blutgefäße, kaltes Wasser verengt sie. Der Körper reagiert auf diese Impulse mit aktiver Regulation – die Gefäße und das vegetative Nervensystem werden trainiert. Ein kurzzeitiger Kaltreiz aktiviert zunächst den Sympathikus, im Anschluss folgt aber eine Phase verstärkter parasympathischer Aktivität. Durch regelmäßige Anwendung wird der Körper in seiner Anpassungsfähigkeit geschult. Genau diese Flexibilität brauchen wir, um abends in einen tiefen Schlaf zu finden. Man könnte sagen: Wasser schult den Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen Spannung und Entspannung.“

Welche Anwendungen empfehlen Sie Menschen mit Schlafproblemen?
„Es gibt einfache, sehr wirkungsvolle Anwendungen für zu Hause:

  1. Wechsel-Armguss am Morgen
    Er wirkt aktivierend und stärkt Kreislauf und Immunsystem. Der Körper lernt durch den Warm-Kalt-Wechsel, Temperaturreize besser zu regulieren.
  2. Unterkörperwaschung am Abend:
    Mit kühlem Wasser durchgeführt, wirkt sie beruhigend, senkt die Hauttemperatur und signalisiert dem Körper: Jetzt ist Ruhezeit.
    Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Hydrotherapie entfaltet ihre Wirkung über Wiederholung. In unseren Studien wurden die Anwendungen über drei Monate gemacht.“

Welche Rolle spielt das vegetative Nervensystem beim Schlaf konkret?
„Das vegetative Nervensystem steuert Prozesse, die wir nicht bewusst beeinflussen – Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung, Verdauung. Für erholsamen Schlaf muss der Parasympathikus dominieren. Wenn der Sympathikus überaktiv bleibt, werden Puls und Stoffwechsel nicht ausreichend gedrosselt. Unsere Studie zeigte, dass regelmäßige Hydrotherapie die Herzfrequenzvariabilität (HRV) deutlich verbessert. Eine höhere HRV steht für eine bessere Leistungsfähigkeit des autonomen Nervensystems. Vereinfacht gesagt: Der Körper kann leichter von Aktivität auf Erholung umschalten. Genau das ist die Grundlage guten Schlafs.“

Welche weiteren Maßnahmen können den Schlaf verbessern?
„Schlafhygiene ist ein ganzheitliches Konzept. Dazu gehören:

  • Regelmäßige Tagesrhythmen: Zur selben Zeit aufstehen
    und zu Bett gehen stabilisiert die innere Uhr.
  • Bewegung und Licht: Tageslicht und moderate Aktivität
    stärken den circadianen Rhythmus.
  • Abendliche Reizarme Phase: Eine Stunde vor dem Schlaf
    keine elektronischen Bildschirme, helles Licht oder inten-
    sive Gespräche.
  • Kühle, gut gelüftete Schlafräume: Die ideale Schlaftempe-
    ratur liegt zwischen 16 und 18 Grad.

Hydrotherapie kann diese Maßnahmen unterstützen, weil sie die physiologische Regulation trainiert, die all diesen Prozessen zugrunde liegt.“

Wie gehen Sie mit der Skepsis um, dass Hydrotherapie nur eine traditionelle Methode sei?
„Das erlebe ich häufig. Doch die wissenschaftliche Datenlage wird immer klarer: Studien belegen die Wirksamkeit bezüglich Immunfunktion, Kreislaufregulation, Stressreduktion und Schlafqualität. Hydrotherapie ist keine esoterische Technik, sondern eine Trainingstherapie für das vegetative Nervensystem.“

Was raten Sie Menschen, die unter anhaltenden Schlafstörungen leiden?
„Im ersten Schritt sollte durch einen Facharzt abgeklärt werden, ob die Schlafstörungen nicht auch eine körperliche Ursache haben könnten. Liegt beispielsweise eine Schlafapnoe vor, kann diese durch eine Polygraphie und ggf. eine Untersuchung im Schlaflabor sicher abgeklärt werden. Der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt oder ein Internist wären hier die richtigen Ansprechpartner.
Werden alle möglichen körperlichen Ursachen ausgeschlossen, könnte es sich um eine nicht-organische, also eine funktionelle Schlafstörung handeln. Genau diese wurden bei unseren Studien über die Wirkung auf das vegetative Nervensystem mit Hydrotherapie erfolgreich angegangen.“


Kontakt:
Andreas Eggensberger, M.Sc. (Physiotherapie)
Therapiezentrum Eggensberger · Hopfen am See · Füssen
E-Mail: a.eggensberger@eggensberger.de

Text: FA · Foto: privat

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