Kolumne

Ankommen

Ich sitze auf meinem Drehsessel. Letztes Jahr habe ich ihn mir gekauft. Ein Vintage-Möbelstück – stilistisch liegt er irgendwo zwischen zeitgenössischem Design und Bauhaus: weiß, Chrom und Kord. Es war Liebe auf den ersten Blick.

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Um mich herum stehen Bücher, bespannte Keilrahmen, ein alter Spind, eine Agave am Fensterbrett. Der geknüpfte Teppich unter meinen Füßen fühlt sich gut an. Ich mag all diese Sachen um mich herum. Sie erzählen ein Stück weit, wer ich bin, was mich ausmacht. Und obwohl ich alles kenne, mir alles vertraut und lieb ist und ich alles wertschätze, weiß ich nicht, ob ich hier richtig bin. Ob ich angekommen bin. Ich stehe auf und mache mir einen Tee. Vor ein paar Tagen habe ich ihn mir in einem kleinen Teesalon gekauft. Juri, der Verkäufer, wusste schnell, was mir schmecken würde. Ich öffne die Packung – der Geruch von Zimt und Kardamom steigt mir aus der Papiertüte entgegen.

Ich befülle das Sieb. Ein Löffel, zwei. Ich frage mich, ob andere dieses Gefühl auch kennen. Dieses Gefühl, das immer wieder in mir aufsteigt. Wie gerade auch. Aber es ist schwer, die richtigen Worte für etwas zu finden, das sich abstrakt anfühlt, obwohl es gleichzeitig so präsent ist. Ich will sagen: Ich bin zu Hause und bin es doch nicht.

Mein Tee ist fertig. Ich nehme das Sieb aus der Tasse, das Wasser dampft. Es riecht gut. Jedes Mal, wenn ich die Tür nach einer Reise aufsperre und nach Hause komme, denke ich darüber nach, ob Zuhause vielleicht eher ein Zustand ist als ein Ort. Wie ein immerwährendes Gefühl, das man in sich trägt.

Aber ein Zuhause ist auch das, was um einen herum geschieht, oder? Die Menschen drumherum, die Geräusche von draußen, das Licht, das zu einer bestimmten Stunde durch ein bestimmtes Fenster fällt. Ich war an Orten, an denen ich schlafen konnte, ohne je wirklich zur Ruhe zu kommen. Und umgekehrt. Woran liegt das? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht an Gegebenheiten, die man nicht wählen kann, die einen aber dennoch prägen.

Eigentlich gibt es doch nichts Schöneres, nichts Tieferes und Behütenderes als das eigene Zuhause. Dieses Gefühl kenne ich – bei Menschen. Bei meinen Menschen bin ich zu Hause. Ohne Erklärung, ohne Bedingung. Und nichts könnte wertvoller für mich sein. Wahrscheinlich geht es primär nicht um die vier Wände, in denen wir leben, auch nicht um die vertrauten Gegenstände. Sondern um dieses Ankommen bei sich selbst und den richtigen Menschen. Es geht um das gemeinsame Zuhause, das wir kreieren, aufbauen, wachsen lassen und mit Erinnerungen füllen, die für immer bleiben, wenn auch nicht immer in den eigenen „vier Wänden“.

Ich nippe an meinem Tee. Er ist heiß, süßlich-scharf und riecht nach allem, was ich mag. Ich denke, ich bin zu Hause- in diesem Moment.

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