Menschen

Pater Franz Josef, Guardian im Franziskanerkloster Füssen

Pater Franz Josef leitet seit einigen Jahren das Franziskanerkloster in Füssen. Ein Gespräch über Freiheit im Orden, die Kunst des Brückenschlags und warum Thomas der Zweifler seine biblische Lieblingsfigur ist. Wenn Pater Franz Josef durch das Tannheimer Tal läuft, ist er in seinem Element. Allein, die Berge vor Augen, die Stille um sich herum. „Ich kann gut alleine sein”, sagt der 75-Jährige. Große Menschenmengen sind nicht sein Ding. Dafür dreht er die Musik laut auf, wenn im Auto Leonard Cohen oder Creedence Clearwater Revival läuft.

Es ist dieser Widerspruch, der ihn ausmacht: Ein Ordensmann, der die Einsamkeit sucht. Ein Guardian, der seine sechs Brüder im Füssener Franziskanerkloster nicht reglementieren will. Ein Theologe, der sich selbst als Skeptiker bezeichnet. „Wenn ich eine biblische Gestalt auf mich beziehen würde, dann wäre das Thomas der Zweifler”, sagt er und lächelt.

Keine Berufung, sondern eine Entscheidung der Eltern

Dass er Priester wurde, ergab sich. Als Jugendlicher aus Mühlen in Niedersachsen stand die Frage im Raum: Fahrschüler werden und täglich zwischen Osnabrück und Bremen pendeln – oder ins Franziskanerkloster gleich hinter der holländischen Grenze gehen, um dort das Abitur zu machen. „Meine Eltern entschieden sich fürs Kloster. Sie meinten, das sei sicherer”, erzählt Pater Franz Josef, der Theologie und Philosophie studierte.

Das weltliche Leben vermisste er nicht. „Das hat mir nicht gefehlt. Ich hatte meine Familie, die mir das vorlebte.“ Angesprochen auf seinen Namen, der durchaus bayerisch sein könnte, antwortet er lachend: „Auch in Niedersachsen gab es solche Namen. Meinen Vornamen bekam ich von meinem Vater und Josef von meinem Onkel.“

Ein angepasster Ordensmann wurde aus Pater Franz Josef nicht. Er ist ein „68“ wie er sagt– und das merkt man. „Ich liebe die Freiheit und reihe mich nicht irgendwo ein, nur weil es bequemer ist.” Natürlich gebe es Regeln, aber: „Ein Orden ist anpassungsfähiger als die Kirche. Im Orden hat der Mensch eine Gewichtung.”

„Gehorsam ja, aber kein blinder Gehorsam”

Als Guardian, also Leiter des Klosters, setzt er auf Miteinander statt Hierarchie. „Ich habe kein Interesse daran, einen meiner Brüder in die Schranken zu weisen. Es sind erwachsene Menschen. Sie wissen selbst, was sie tun können oder nicht.” Seine Devise: „Gehorsam ja, aber kein blinder Gehorsam.” Diese Haltung prägt auch seinen Blick auf Kirche und Gesellschaft. „Alles hat zwei Seiten wie eine Münze. Ein anderer kann das Gleiche aus einer anderen Perspektive sehen – das muss nicht falsch sein, das hat auch seine Berechtigung.”

Schwierig werde es nur, wenn jemand auf seiner Meinung beharre. „Es braucht einen Brückenschlag. Den findet man in der Politik so gut wie gar nicht. In der Kirche ist es auch schwierig geworden – ein Beispiel ist der Synodale Weg.” Pater Franz Josef zitiert Paulus, obwohl er „kein großer Fan” von ihm ist: „Seine Rede über die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit finde ich richtig. In der Kirche gibt es das nicht. Ich bin kein Freund vom eindimensionalen Denken. Eine Einheit muss eine Vielfalt vertragen können.”

700 Kilometer bis nach Hause

Die Heimat liegt weit weg – 700 Kilometer bis Mühlen. Früher, als Provinzökonom in München, fuhr er bis zu 40.000 Kilometer im Jahr. „Obwohl ich gerne Auto fahre, wäre mir das jetzt zu viel.” Die Berge sind ihm zur zweiten Heimat geworden. An seinen ersten Bergurlaub 1972 erinnert er sich genau – es war der Tag des Olympia-Attentats in München. Seine Tour führte vom Karwendelhaus zur Birkkarspitze. „Eine meiner längsten Touren.” Heute läuft er lieber durchs Tannheimer Tal. Allein. Mit seinen Gedanken. Vielleicht auch mit seinen Zweifeln. Denn die gehören für Pater Franz Josef dazu – im Glauben wie im Leben.

Text · Foto: Sabina Riegger

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