Gesundheit

Das Gänsefingerkraut

Das Gänsefingerkraut ist eine starke Heilpflanze. Ihr lateinischer Name lautet Potentilla anserina und sie ist eine Unterart der Rosoideae, gehört also zur Familie der Rosengewächse. Diese Pflanze ist in den gemäßigten Gebieten der Nordhalbkugel weit verbreitet. Für ihre beliebte Anwendung sprechen schon ihre vielfältigen Trivialnamen wie Anserine, Dreckkraut, Gänserich, Gänsewiß, Grensel, Martinshand, Silberblatt, Säukraut oder Krampfkraut. In der Apotheke wurde es früher sehr viel verlangt, hauptsächlich unter dem Namen Spasmuskraut. Spasmen, sprich Krämpfe, waren hier stets das Haupteinsatzgebiet.

Der deutsche Name weist darauf hin, dass das Kraut wohl irgendwie etwas mit Fingern und Gänsen zu tun hat. Fingerkräuter, von denen es mehrere Arten gibt, haben in der Regel fünf Blätter, so viel wie eine Hand Finger, so kommt die Bezeichnung zustande. Tja, und Gänse fressen alles gerne, was ihnen vor den Schnabel kommt, besonders natürlich auf den sogenannten „Gänseweiden“. Das Kraut wächst auch besonders schnell nach und dazu kommt noch, dass die Gänse mit ihren breiten Füßen den Boden verdichten und mit ihrem Kot den Standort düngen. Also optimale Bedingungen.

Botanisch gesehen bezieht sich das Wort „Potentilla“ auf das lateinische Wort „potentia“, das sich auf die Kraft der menschlichen Hand bezieht, welche gemäß unseren Vorfahren in diesem Kraut steckt. Der Artname „Anserina“ bezieht sich wiederum auf das lateinische „anser“, was einfach mit „Gans“ übersetzt werden kann. In Legenden heißt es, dass sich im Gänsefingerkraut Sonne und Mond begegnen. Zwischen den silbrig behaarten Blättern schimmern die goldenen Blütensonnen, natürlich nicht im Winter. Es gibt ja sehr hübsche Geschichten wie diese: kleine Pflanzengeister und Elfen sollen sich bei Mondschein auf den Blättern der Anserine zum Plaudern und Tanzen treffen. Eine weitere Besonderheit ist, das stimmt aber wirklich: bei Regen drängen sich die Blätter zusammen und bilden so ein schützendes Dach über den Blüten.

Gänsefingerkraut scheint doch eine sehr alte Heilpflanze zu sein, denn angeblich bereits die Kelten, von denen es ja leider keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, aber auf jeden Fall die Germanen bereiteten hieraus eine spezielle Milch zu, bevorzugt aus Ziegenmilch, um die Wirkstoffe herauszulösen. Warum diese Zubereitung? Da ein Tee eventuell den Magen reizen kann, suchten diese Völker den etwas verträglicheren Weg. Gewirkt hat es aber trotzdem. In der Antike war die Pflanze unbekannt, da sie im Mittelmeerraum nicht wuchs. Erwähnung findet sie auf jeden Fall bei diversen Kräuterärzten, wie zum Beispiel in dem Buch von 1543 des Leonhart Fuchs. Er schreibt über den „Genserich“: „Dass dieser die frischen und umb sich fressenden Wunden sowie Frawenkrankheyt, Bauchfluß und allerley Bluten stillt.“

Die mittelalterliche Sprache ist zugegebenerweise nicht ganz so leicht zu verstehen, aber ich finde es doch es interessant, wie man damals dieses Kraut nutzte. Bei Krankheiten wie der Ruhr, oftmals durchaus tödlich, Durchfall – damit ist der Bauchfluss gemeint – oder bei Nasenbluten wurde es eingesetzt, um nur einiges zu nennen. Neben Abkochungen mit Wasser oder Wein waren auch destilliertes Gänsefingerkrautwasser und sogar eine Art Konvertzucker in Gebrauch. Für diesen speziellen Zucker wurden zwei Teile Zucker mit einem Teil geschnittener Wurzel vermischt. Die Wurzel selbst galt beispielsweise lange Zeit in Skandinavien als Nahrungsmittel.

Um das Ganze einmal zusammenzufassen, über die ganzen Jahrhunderte hinaus haben sich folgende Anwendungen als erprobt bestätigt: Die adstringierende, sprich zusammenziehende Wirkung, die durch den hohen Anteil an Gerbstoffen bedingt ist. Wie kann man diese Wirkung speziell nutzen? Einmal lokal als Spülung zur Behandlung im Mund-und Rachenraum bei Entzündungen, aber auch innerlich bei Durchfallerkrankungen, vor allem dann, wenn diese mit Krämpfen einhergehen.

Frauenbeschwerden, die ja, wie bekannt, sehr schmerzhaft sein können, stehen hier, ich glaube zu Unrecht, zur Debatte, da die Wirkung heute nicht mehr so wirklich anerkannt ist. Leonhart Fuchs fand dies damals im 16. Jahrhundert allerdings durchaus erwähnenswert, heute ist man eher davon abgekommen, aber versuchen macht klug. Es heißt ja nicht umsonst „Krampfkraut“!

Der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp schwor übrigens auch auf diese Pflanze. Er setzte das Gänsefingerkraut bei Kindern mit Blähungskoliken und Bauchkrämpfen ein. Ebenfalls aus der Volksmedizin kommen diese Anwendungen: Reizdarm-bedingte Krämpfe, bei leichten krampfartigen Beschwerden der Gallenblase sowie als krampflösende Komponente in Zubereitung zur Behandlung von bakteriellen Blasenentzündungen.

Von der Anwendung für Frauen habe ich Ihnen bereits berichtet, aber was in diesem Zusammenhang auch interessant ist: die Anwendung nach der Geburt. Hier stärkt das Gänsefingerkraut das Bindegewebe und wird deshalb sehr gerne in Rückbildungstees verwendet sowie auch bei Gebärmuttersenkungen. Auch bei Problemen, die mit PMS (Prämenstruelles Syndrom) zusammenhängen, sogar in Kombination mit damit zusammenhängender Migräne ist das durchaus eine Möglichkeit.

Die Heilige Hildegard von Bingen hatte ihre ganz eigene Methode: den Gänsefingerkrautkeks. Sie schreibt hierzu: „Wer Gelbsucht hat, der mache mit dem Gänsefingerkraut und Feinmehl und Wasser kleine Kuchen und esse von ihnen an neun Tagen bei leerem Magen, und er wird geheilt.“ Im Leber-Gallen-Bereich können natürlich krampfartige Beschwerden auftreten, bei denen diese Pflanze durchaus wohltuend sein kann, aber nach neun Tagen? Allerdings schreibt Hildegard noch dazu: „Oder Gott will nicht!“ Das kommt in einigen ihrer Rezepte vor.

Aber um gleich mal wieder wesentlich positiver zu werden: Das Gänsefingerkraut galt immer schon als pflanzlicher Glücksbringer. Es war ganz lange in der Nähe menschlicher Siedlungen anzufinden. So ist es kein Wunder, dass es im alten Aberglauben einen festen Stellenwert hat, zumal die Gans, vielleicht nicht gerade die goldene, schon in alten Legenden als Glücksbringer galt. Ein Blatt im Schuh getragen sollte Behördengänge und Gerichtstermine erleichtern. Und wer so ein Blatt mit einem Erbstück abschnitt ohne es zu berühren und im Portemonnaie aufbewahrt, musste keine Angst mehr vor Geldnot haben. Wer einen Partner für das Leben suchte, grub am Johannistag die Wurzel aus und verwendete sie als Amulett.

Zum Schluss noch ein paar durchaus empfehlenswerte Rezepte: Wärmender Frauenbalsam: Ein Ansatz von je zehn g Gänsefingerkraut, Beifuß, Majoran mit 300 ml gutem Olivenöl wird drei Wochen in einem Schraubglas stehen gelassen, dann zehn Minuten köcheln, abseihen und mit 30 Gramm Bienenwachs zu einem Balsam verarbeiten.

Menstruationstee: 20g Gänsefingerkraut · 20 g Frauenmantelkraut · 20 g Kamillenblüten · 20 g Schafgarbenblüten · 20 g Melissenblätter – Die Kräuter mischen, davon ein TL mit einer Tasse heißem Wasser Übergießen und bedeckt sieben Minuten ziehen lassen. Während der Beschwerden dreimal täglich eine Tasse trinken.

Und ganz zum Schluss noch etwas Kulinarisches: Die nussig schmeckenden Wurzeln können roh oder gegart für Gemüsegerichte verwendet werden. Getrocknet wäre eine Verarbeitung zu Mehl möglich. Die jungen Blätter eignen sich von Mai bis August für Tee, Salate, Gemüsegerichte, Spinat, Kräuterkäse oder Püree als Beilage zu Fisch, Fleisch und Getreidegerichten.

Doch eine sehr interessante Pflanze!

Ihre Apothekerin
Simone Wagner

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