Kolumne

Ein Horoskop

Ich konnte gerade lesen, da drückte mir meine Oma schon das erste Horoskop in die Hand. Das war vermutlich die Geburtsstunde unserer Beziehung. Also die der gedruckten Prophezeiungen und mir. Meine Oma hatte es am liebsten, wenn ich ihr vorlas. Sie musste mir nur zuhören, so war ihr Fokus noch schärfer. Angeblich. Während ich las, nippte sie an ihrer orange-braunen Kaffeetasse und nickte.

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Als ich fertig war, legte sie mir weitere Horoskope vor. Alle aus Zeitschriften, die als Titel zweisilbige, weibliche Vornamen trugen. Die mussten auch gelesen werden. Nur um keines der Zeichen zu verpassen. Es hätte ja sein können, dass eine andere Zeitschrift Vorhersagen traf, als die zuvor. Sie überließ nichts dem Zufall. Nie. Mit dem schimmernd lackierten Zeigefinger tippte sie auf die Sternzeichen. Das war mein Startsignal. Es war immer dasselbe. Es ging um Liebe, Geld, Gesundheit. Und alles war so umschrieben, dass der/die Leser*in genügend Raum hatte, die Prognosen dehnbar auszulegen. Für meine Oma waren und sind das aber mehr als dehnbare Umschreibungen. Für sie sind es Zeilen, die sie bestätigen, besänftigen oder warnen. Geschriebenes Gesetz. Irgendwie.

Sie meinte schon immer, es gebe zwei Sachen, auf die im Leben immer Verlass sei: Gott und die Sterne. Dieser Glaube führte dazu, dass wir viel Zeit damit verbrachten, sämtliche  Horoskope unterschiedlicher Sternzeichen zu studieren. Die für sie wichtigsten Sternzeichen: das meiner Mutter, meines und ihr eigenes. Ich glaube, die Sache mit den Horoskopen ist wie mit den Glücksspielen. Die Trefferquote ist gering. Das Gefühl dabei aber umso mächtiger und das Suchtpotenzial erschreckend hoch. Aber meine Oma ist wie ein Pate. Der bosnische Pate der Sterne. Also beugte ich mich ihr vor langer Zeit. Sie schenkt mir Liebe und Vorhersagen. Ich erinnere mich noch genau an ihren Gesichtsausdruck, wenn sich etwas aus ihrem Bauchgefühl, aus ihrer Intuition in einem Horoskop wiederfand, das sie längst kommen sah. Als Kind fand ich diese Momente mystisch. Jedenfalls für einen kurzen Moment. 

Weil es stimmte. Irgendwie. Aber wie konnte das sein? Ich glaube, das war der Moment, in dem ich begann, das in ihr zu sehen, was sie in ihren Horoskopen sah: Sicherheit. Über die Jahre haben wir die Rollen getauscht. Sie liest die Zeichen der Sterne wieder selbst. Und ich bitte sie um einen Blick in die Zukunft. Noch immer  verstehe ich nicht, wie es sein kann, dass sie erschreckend oft ins Schwarze trifft. Eigentlich würde ich sie gerne fragen, was sie über das nächste Jahr zu sagen hat. Aber ich habe sie stattdessen gefragt, wie sie 2025 beschreiben würde.

Ihre Antwort: „Hin und her.“

Und das stimmt. Das war es. Ein Auf und Ab. Ein Hin und Her. Und wenn ich könnte, dann würde ich gerne den Hörer in die Hand nehmen und hoch in die Sterne rufen, um für weniger „Hin und Her“ im kommenden Jahr zu bitten. Niemand weiß, was das neue Jahr bringen wird. Sicher einiges. Ich versuche zu vertrauen, dass das meiste davon „gut“ sein wird. Für uns alle. Hier und dort. Nah und fern. So oder so, die Sterne werden es richten…

„Haben Sie jemals nachts nach oben geschaut und sich klein gefühlt? Tun Sie das nicht. Fühlen Sie sich stattdessen groß. Die Atome in unserem Körper stammen von den Überresten explodierter Sterne. Wir sind Sternenstaub. Wir leben im Universum. Und das Universum lebt in uns.“

Neil deGrasse Tyson

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