
„Waldlinge“ in Rieden
Wald- und Naturkindergarten
Man spürt sofort die Leidenschaft, wenn man Katharina Schmid (pädagogische Leitung) und Lisa Kaiser, Umweltingenieurin und Geschäftsführerin des Trägers „Freiluftkinder Allgäu gGmbH“ in Rieden im Wald- und Naturkindergarten trifft. Seit dem 15.9.2025 ist er in Betrieb und schon jetzt sind die Plätze heiß begehrt: Bis November wird das Maximum von 21 Kindern erreicht sein, und die Interessentenliste für 2026 ist lang.
Dieser Erfolg ist umso bemerkenswerter, als der Bedarf nicht aus einer allgemeinen Platznot, sondern aus dem tiefen Wunsch nach dieser besonderen, naturnahen Pädagogik entstanden ist. „Als Erwachsener eine Vision zu haben und diese umzusetzen, ist das eine“, sagt Lisa Kaiser, mit leuchtenden Augen, „aber nun zu sehen, wie die Kinder das Angebot des Naturkindergartens annehmen, ist noch viel schöner“.

Der Kindergarten liegt idyllisch nahe des Faulensees und bietet den Kleinen ein echtes Naturparadies: 2.000 Quadratmeter Wiese und 4.000 Quadratmeter Wald. Zum Zeitpunkt des Interviews sind die Kinder und Erzieherinnen dabei, ein Waldsofa zu bauen – ein anschauliches Beispiel dafür, wie schnell und selbstständig die Kinder im Wald Beschäftigung finden und aus Naturmaterialien etwas erschaffen.
Es werden noch weitere Waldgrundstücke in der näheren Umgebung gesucht, um die Möglichkeit zu haben, an andere Orte zu wechseln und der Natur die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen. Der Waldkindergarten wird, genauso wie jeder andere Kindergarten, vom Staat bezuschusst. In diesem Fall mit 100€/Kind und Monat. Zwischen 225€ und 235€ liegt der Beitragssatz, der pro Kind eingenommen werden muss, um den Betrieb am Laufen zu halten.
Besonders berührend ist das Engagement der Eltern. Nicht nur wurde die einzigartige, kreisrunde Jurte – ein heller, holzduftender Wohlfühlraum mit Ofen zum Aufwärmen – in Eigenregie und mit Unterstützung eines Jurtenbauers errichtet. Die Elterninitiative übernimmt auch wichtige Hausmeisterarbeiten. Hinzu kommt eine enorme Geste des Vertrauens aus der Gemeinde: Die beiden Grundstücke werden von Riedener Eigentümern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dieses gelebte Miteinander ist ein Beweis dafür, was entsteht, wenn Menschen an eine Vision glauben. Den obligatorischen Bauwagen gibt es aber trotzdem. Dort befindet sich das Büro.
Am Tag der Eröffnung konnten die beiden Mitte 30-jährigen Mütter noch gar nicht richtig realisieren, dass dieses Projekt – ihr Herzenswunsch – nun in Erfüllung gegangen ist. Erst einige Tage später haben sie, als sie die Kinder auf dem Gelände ausgiebig spielen gesehen haben, realisiert, dass es nun Wirklichkeit geworden ist. „Wir haben es tatsächlich geschafft, die Kinder sind nun da, wir haben tolle Eltern, tolle Kinder und einen tollen Platz“, erzählt Lisa Kaiser.

Grundsätzlich gibt es in Rieden keinen Bedarf an weiteren Kindergartenplätzen, weshalb wohl anfänglich auch eine gewisse Angst vor Konkurrenz bestand. Zudem waren die Vorbehalte groß und zuerst wurde von Seiten der Gemeinde keine Unterstützung zugesagt. Allerdings wurden auch keine Steine in den Weg gelegt. Über die Zeit hat es sich dann aber dahin entwickelt, dass eine Baugenehmigung erteilt wurde und die Gemeinde nun auch eine Notunterkunft zur Verfügung stellt.
Schlechtes Wetter und kühle Temperaturen machen den Kindern nichts aus, da sie ständig in Bewegung sind. Es gibt auch spezielle Bewegungsspiele, um den Kreislauf der Kinder in Schwung zu halten. Selbstverständlich müssen die Kinder entsprechend dem Wetter angezogen sein. Doch der Traum von Lisa Kaiser reicht noch weiter: Der „Waldlinge“-Platz soll nicht nur ein Kindergarten bleiben. Die Vision ist, ihn auch Schulkindern am Nachmittag zum Spielen zur Verfügung zu stellen. Denn dieser Ort der Naturverbundenheit und Kreativität soll so vielen jungen Menschen wie möglich zugute kommen.
Text· Fotos: Tanja Kunz



