
Auf Hohenschwangaus hehren Zinnen
Geschichte und Geschichten eines besonderen Ortes
Die Geschichte Hohenschwangaus reicht weit zurück: Am 16. Juni 1191 ging der Ort, bis dahin Hauptsitz eines welfischen Herrschaftsbereichs, an die Herzöge von Schwaben aus dem Haus Hohenstaufen über. Später fiel er an die Herzöge von Bayern – eine Entwicklung, die den Grundstein für die spätere Bedeutung des Ortes legte.
Im Jahr 1829 entdeckte Kronprinz Maximilian von Bayern, begleitet von seinem Geschichtslehrer Joseph Freiherr von Hormayr-Hortenburg, auf einer Fußwanderung die romantisch gelegene Burgruine Schwanstein. Diese lag damals weitgehend verfallen, ihre einstige Wehrkraft längst verloren, schon im Bauernkrieg von 1525 war sie, wie auch andere Burgen der Region, „zu keiner Noth noch Wehr dienlich“, wie eine Quelle von 1523 vermerkt. Die Region blieb in diesem ersten großen revolutionären Aufstand auf deutschem Boden zwar verschont, doch liefert die Betrachtung der Wehrarchitektur jener Zeit interessante Rückschlüsse auf die damalige Rolle der Burgen in gesellschaftlichen Umbrüchen.
Der Bauernkrieg, der 1524 begann, war Ausdruck tiefer sozialer und religiöser Spannungen. Angetrieben von der Reformation Martin Luthers und dem Wunsch, alte Feudallasten abzuschaffen, erhoben sich zahlreiche Untertanen gegen ihre Herren. In Hohenschwangau kam es jedoch nicht zu Gewalttaten – auch weil die dortigen Burgen kaum noch eine militärische Rolle spielten. Kronprinz Maximilian ließ die Burgruine Schwanstein in den folgenden Jahren umfassend umgestalten. Ab 1833 entstand hier das neugotische Schloss Hohenschwangau – eine Jagd- und Sommerresidenz der bayerischen Königsfamilie. Bereits ab 1837 verbrachten die Wittelsbacher regelmäßig mehrere Wochen im Jahr in Hohenschwangau.
Die Architektur des Schlosses steht exemplarisch für die romantisierende Mittelalter-Rezeption des 19. Jahrhunderts. Der Architekt und Bühnenmaler Domenico Quaglio prägte mit Türmen, Erkern, Zinnen und Spitzbögen das äußere Erscheinungsbild. Die Innenräume wurden vom berühmten romantischen Maler Moritz von Schwind mit Szenen aus Sagen und mittelalterlichen Geschichten ausgestattet. Historische Persönlichkeiten – darunter die Ahnen Maximilians – finden sich ebenso in den Wandbildern wie Helden der Literatur. Schloss Hohenschwangau wurde so nicht nur zu einem königlichen Wohnort, sondern auch zu einem Ort historischer Bildung – ein musealer Raum mit volksbildendem Anspruch.
Am 10. Oktober 1845 kam der spätere König Ludwig II., Maximilians Sohn, erstmals in das Schloss. Es sollte ihn und seine späteren Projekte – allen voran Neuschwanstein – tief prägen. Das Gemälde im Sängersaal der Wartburg diente ihm später als direkte Inspirationsquelle für den Sängersaal in seiner eigenen „Burg“.
Noch heute begegnet man in Schloss Hohenschwangau der romantischen Idee des Mittelalters. Die Begrüßungsworte an den Wänden – „Willkommen Wand’rer! holde Frauen! Die Sorgen gebt dahin! Laßt eure Seele sich vertrauen der Dichtung heiterm Sinn!“ – spiegeln das Ideal dieser Zeit wider. Auch wenn es sich bei der einstigen Burg Schwanstein wohl kaum um eine Ritterburg handelte, wie wir sie aus Märchen kennen, so entstand mit Schloss Hohenschwangau ein bedeutendes Zeugnis des romantischen Mittelalterbilds im 19. Jahrhundert. Obwohl die Burgen von Hohenschwangau 1525 von den aufständischen Bauern verschont blieben, wirft ihr damaliger Zustand spannende Fragen auf.
INFO
Dr. Joachim Zeune, renommierter Burgenforscher, nimmt Sie am 16.9.2025 um 18 Uhr in seinem reich bebilderten Vortrag im Museum der bayerischen Könige mit auf eine Reise in die Zeit der Bauernkriege. Er beleuchtet die Wehrarchitektur um 1525 und untersucht die Verteidigungsfähigkeit der Burgen Schwangau und Schwanstein – und was möglicherweise geschehen wäre, hätten die Bauern den Sturm gewagt. Eintritt frei.
Text: Louise-H. Meinicke, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige
Foto: Wikipedia



