Wirtschaft

31 Jahre Eiscafé Hohes Schloss

Füssen ist viel mehr als nur ein Arbeitsort

Wenn jährlich Anfang März das Eiscafé Hohes Schloss in Füssen öffnet, beginnt für Carla und Stefano Ceschin die arbeitsintensive Saison. Neun Monate lang produziert der gelernte Speiseeishersteller Stefano täglich 36 unterschiedliche Eissorten, aus denen 140 verschiedene Eisbecher entstehen. Mitte November schließt die Eisdiele für eine dreimonatige Winterpause. Die Geschichte der Familie Ceschin ist eng mit der Tradition der italienischen Eismacher in Deutschland verbunden. „In den Nachkriegsjahren siedelten sich viele italienische Eismacher in deutschen Großstädten an. Man dachte sich, wo so viele Menschen sind, verkauft man auch viel Eis“, erzählt Stefano.

Auch seine Eltern waren Eismacher und versuchten ihr Glück in Deutschland. Stefano Ceschin, der aus der Provinz Treviso stammt, kennt das Geschäft von klein auf: „Meine Eltern betrieben in Hannover, Bremen und Konstanz Eisdielen. In den Sommerferien half ich regelmäßig aus.“ Die Entscheidung für Füssen fiel 1994. Die Stadt, die bereits eine lange Geschichte italienischer Einwanderer hat, bot sich als Standort an. „Die Entfernung nach Italien war überschaubar, und es gab einen passenden Laden, der zu vermieten war“, erklärt Stefano Ceschin die pragmatischen Gründe für die Standortwahl, die damals seine Eltern trafen. Das liegt nun über 31 Jahre zurück.

Carla Ceschin stammt von einer Familie mit eigenem Weingut ab. Harte Arbeit war ihr von klein auf vertraut: „Mir hat die Arbeit immer sehr viel Spaß gemacht. Ich durfte und konnte selbstständig arbeiten und das war mir sehr wichtig.“ Als junge Frau entschloss sie sich nach Deutschland zu gehen. „Ich wollte die Kultur und die Sprache kennen lerrnen und mir auch für meine Selbstständigkeit, von der ich immer träumte, Ideen holen und dafür Erfahrung sammeln.“

Die Anfänge in Deutschland waren nicht leicht: „Es war eine sehr einsame Zeit“, gesteht sie. Jeden Tag schrieb sie ihrer Freundin in Italien einen Brief, teilte ihre Erlebnisse, Ängste und Hoffnungen mit. „Irgendwann entschied ich mich, wieder nach Hause zu gehen, wieder zu leben und zu tanzen“, erzählt sie von ihrer Rückkehr nach Italien.

Zum Glück, denn dort traf sie ihren Mann Stefano. „Wir haben uns tatsächlich beim Tanzen in einer Diskothek kennen gelernt“, lacht sie. „Er ist mir sofort aufgefallen“, erinnert sie sich. Was wie eine typisch italienische Liebesgeschichte begann, sollte der Anfang einer gemeinsamen Lebens- und Geschäftspartnerschaft werden. Carla und Stefano Ceschin sind ein gutes, eingespieltes Team. Heute reichen nur wenige Gesten oder Blicke und der eine weiß schon, was der andere will. „Es ist ein entspanntes Arbeiten, trotz positiven Stresses“, erklärt Stefano Ceschin.

Gemeinsam mit den Schwiegereltern und ihrem Mann arbeitete Carla in der Eisdiele. „Für mich war es eine prägende Zeit, aus der ich rückblickend viel mitnehmen konnte. Meine Schwiegereltern und ich wechselten uns mit der Betreuung der Kinder ab. Ich konnte die Zeit mit den Kindern genießen. Das war mir sehr wichtig und meine Schwiegereltern machten das möglich. Ohne Familienzusammenhalt wäre das nicht zu stemmen gewesen“, erzählt die zweifache Mutter.

Familie ist Carla Ceschin nicht nur wichtig, sondern heilig. Sich zurücknehmen fällt ihr nicht schwer. „Für alles gibt es eine Zeit, die Priorität hat“, sagt sie. Wenn man sie gut kennt, weiß man sogleich, was sie damit meint: ihre Kinder. Carla und Stefano sind stolz und dankbar, dass sie so ein harmonisches und gutes Verhältnis zu ihren Kindern Sofia und Alessandro haben.

„Wir haben es gut gemacht“, sagt sie und sieht ihre Tochter Sofia liebevoll an, die in den Semesterferien gerne im Eiscafé aushilft. Noch ein Weilchen wird sie dableiben, bevor ihr Psychologie-Studium wieder beginnt und sie nach Italien zurückfährt. Auch ihr Bruder Alessandro hat seinen Lebensmittelpunkt in Italien. Was er nach dem Abitur machen will, dass weiß er noch nicht. Auch dafür hat es seine Zeit.

Füssen und Italien – diese Verbindung hat eine lange Geschichte. „Dolce Vita auf allgäuerisch“, wie Stefano es nennt, prägt die Stadt seit Generationen. Viele italienische Handwerker fanden hier ihre neue Heimat, brachten ihre Kultur und ihr Können mit. Stefano vergleicht Füssen gerne mit seinem Heimatort Conegliano: Beide Städte verbinden Tradition mit Lebensfreude, Historie mit Moderne.

Wenn Carla und Stefano Mitte November ihre Eisdiele für drei Monate schließen, haben sie sich ihre Auszeit mehr als verdient. Doch beide freuen sich dann schon wieder auf den März, wenn sie ihre Türen öffnen und das „Dolce Vita“ wieder nach Füssen zurückkehrt. „Füssen ist mehr als nur unser Arbeitsort“, sagt Carla Ceschin, „es ist unser Zuhause geworden.“ Ein Zuhause, das die Ceschins mit jedem Löffel Eis ein bisschen süßer machen.

Die Geschichte der Ceschins steht beispielhaft für den erfolgreichen kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Italien. Sie zeigt, wie aus Fremden Nachbarn werden, wie aus einer Geschäftsidee eine Berufung wird und wie die Liebe zum Handwerk Menschen verbindet – über alle Grenzen hinweg.

Text · Foto: Sabina Riegger

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