
Der Mehrwert aus dem Tourismus für die Einheimischen
Tourismus in Füssen: Zwischen Wirtschaftsmotor und Bürgerwohl. Wie die Stadt den Spagat zwischen Gästeandrang und Lebensqualität meistert
Füssen hat sich zu einer der bedeutendsten Tourismusdestinationen Bayerns entwickelt. Als touristisch geprägte Stadt verzeichnete Füssen 2024 knapp 1,5 Millionen Übernachtungen, die einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor darstellten. Doch die geschaffene Infrastruktur dient nicht ausschließlich den Touristen – sie bietet auch einen erheblichen Mehrwert für die einheimische Bevölkerung.
Die Bedeutung des Tourismus spiegelt sich nicht nur direkt in Arbeitsplätzen in Hotels, Gastronomie und Dienstleistungsbetrieben wieder, sondern schafft auch zahlreiche Arbeitsplätze im Zuliefererbereich. Von gut ausgebauten Wanderwegen über kulturelle Angebote bis hin zu einer vielfältigen Gastronomie – die touristischen Angebote bereichern gleichermaßen den Alltag der Einheimischen, wie sie maßgeblich zur hohen Lebensqualität in Füssen beitragen.
Allerdings zeigt sich, dass viele Einheimische vorwiegend die Masse an Touristen wahrnehmen und weniger den positiven wirtschaftlichen und infrastrukturellen Mehrwert für ihre Stadt erkennen. Diese Wahrnehmung zu ändern, ist eine wichtige Aufgabe. Darüber haben wir mit dem Tourismuschef der Stadt Füssen, Stefan Fredlmeier, gesprochen.

Wie gestaltet Füssen Tourismus und Marketing (FTM) die Balance zwischen touristischer Entwicklung und den Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung? Welche Strategien und Maßnahmen gibt es, um beide Interessen in Einklang zu bringen und einen konstruktiven Dialog mit den Bürgern zu führen?
Eine für alle passende Balance zwischen den Interessen der Einheimischen und der Gäste zu finden, ist, um ehrlich zu sein, eine nicht lösbare Aufgabe. Dazu sind die Interessen schon unter den Einheimischen zu unterschiedlich. Wer vom Tourismus direkt profitiert, wird wenig Interesse haben, den Tourismus zu limitieren. Für andere wird der Tourismus vor allem in der Hauptsaison zu viel.
Gemeinsam mit der Stadt müssen wir unternehmen, was irgend möglich ist, um die stärksten Schmerzpunkte zu beruhigen, die durch den Tourismus ausgelöst werden: Wir sprechen hierbei vorrangig von der Verkehrsüberlastung und knappem Wohnraum. Für den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern müssen wir definitiv Formate finden, die wirksamer sind als die aktuellen.

Viele Meinungen basieren auf zu wenigen Informationen und Kenntnissen. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir Vor- oder Falschurteile abbauen und das Gemeinwohl durch Gemeinsamkeit steigern wollen.
Welche Rolle spielt die finanzielle Unterstützung durch FTM bei der Durchführung traditioneller Veranstaltungen wie den Kaisersaalkonzerten?
Ich denke, dass ohne die finanzielle Unterstützung durch FTM die Durchführung von Veranstaltungen wie die Kaisersaalkonzerte vielleicht nicht unmöglich, aber doch deutlich schwieriger würde.
Sehen Sie diese Unterstützung als Bewahrung der kulturellen Authentizität an? Wenn ja, welche Bedeutung messen Sie dieser Kulturidentität bei?
Die Förderung von Kultur und Brauchtum gerät schnell in den Fokus, wenn die Haushaltsmittel knapp werden, da es sich dabei rein haushaltstechnisch um freiwillige Leistungen und keine Pflichtaufgaben handelt. Wenn die Stadt Füssen mit allen Füssenerinnen und Füssenern ihre kulturelle Identität ernst nimmt und bewahren möchte, was angesichts der kulturellen Schätze eigentlich keinen Zweifel erlaubt, sind Ausgaben für die Kultur unerlässliche und lohnende Investitionen.

FTM leistet dafür gerne einen Beitrag, da unser Unternehmen die Kultur der Stadt als extrem wertvoll und profilbildend betrachtet und die touristische Relevanz z.B. der Kaisersaalkonzerte, des Festivals vielsaitig oder auch von Auftritten der Trachtler und Musikkapellen einen Einsatz touristischer Gelder erlaubt.
Unterstützung ist das eine, die Pflege von vorhandener Infrastruktur das andere. Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Können Sie hier Beispiele aufzählen?
Vermutlich wissen nicht viele, wie stark sich FTM in der Zwischenzeit um die Freizeitinfrastruktur im öffentlichen Raum kümmert. Eine „große Nummer“ war die Umgestaltung des Mitterseeparks, dazu gehören aber beispielsweise auch die Wanderwege- und Radwegebeschilderung, Sanierung und Pflege der Kneippareale, Installation und Betreuung von Infotafeln und Informatoren, das Spuren der Loipen mit den von FTM finanzierten Loipenfahrzeugen und vieles mehr.

Jüngste Beispiele sind die Projekte zur klimaangepassten Weiterentwicklung des Kaiser-Maximilian-Platzes und des Schaupunktes „Magnusblick“. Freilich verstehen sich all diese Aktivitäten im Auftrag der Stadt Füssen und in Übereinstimmung mit den Vorgaben und Zielen der Stadtentwicklung. Schließlich ist FTM eine 100 prozentige Tochter der Stadt Füssen und unterliegt auch städtischer Aufsicht.
Das bedeutet, dass Projekte wie zum Beispiel das Mitterseebad, Veranstaltungen, Ruhebänke, das in der Umsetzung befindliche kostenlose Bayern WLAN oder die Pflege der Rad- und Wanderrouten nicht als rein touristisch betrachtet werden können?
Was im öffentlichen Raum passiert, steht in Gänze den Menschen zur Verfügung, die sich dafür interessieren und daran Gefallen finden. All das, was FTM anbietet bzw. schafft, richtet sich also an Menschen ohne Blick auf deren Herkunftsort. Vor der Nutzung eines Kneipptretbeckens wird ja nicht nach dem Personalausweis oder der Gästekarte gefragt, ebenso wenig bei dem Besuch des Street Festivals oder des Adventsmarktes.

Die touristische Relevanz, d.h. Bedeutung für die touristische Angebotsqualität und Attraktivität unserer Stadt, ist allerdings sehr wohl entscheidend dafür, ob wir für unsere Vorhaben überhaupt touristische Gelder, also Kurbeitrag und Fremdenverkehrsbeitrag, einsetzen dürfen. Dies bedeutet, dass die Angebote natürlich für Füssens Gäste interessant sein müssen – allerdings ohne für diese exklusiv entwickelt zu werden!

Bei der Unterscheidung zwischen Gast und Einheimischem kommt man eh nicht weiter. Wenn man „touristisch“ als „für Gäste bestimmt“ definiert, führt jegliche Diskussion allein schon dadurch ins Nirwana, dass man zwischen Gast und Einheimischen keine scharfe Grenze ziehen sollte. Denn wenn man dafür die rein rechtlich passende Einordnung des Wohnorts heranzöge, wären plötzlich unsere engsten Freundinnen und Freunde aus den Nachbarorten Touristinnen und Touristen. Das macht für den Umgang miteinander keinen Sinn. Nur steuer- und abgabenrechtlich ist es trotzdem extrem wichtig.
Um welche Summe geht es da, die Sie jährlich aufbringen müssen, um dieses „Qualitätspaket“ so weiter betreiben zu können?
Ja nach Projektdichte und -umfang sind es mehrere hunderttausend Euro im Jahr.
Woher kommen die Gelder, die Sie in diese Projekte einsetzen?
FTM stehen der von den Übernachtungsgästen gezahlte Kurbeitrag und der von den Übernachtungsbetrieben entrichtete Fremdenverkehrsbeitrag zur Verfügung, also Mittel rein aus dem Übernachtungs- und ohne Zufluss aus dem Tagestourismus. Das Kommunalunternehmen erhält null Cent aus Steuergeldern.
Der Fremdenverkehrsbeitrag der Gewerbetreibenden fließt in die Kassen der Stadt Füssen und dient der Finanzierung der vielen Aufgaben, die die Stadt Füssen selbst für den Tourismus leistet: vorwiegend für die sehr aufwändige Pflege und Verschönerung der Stadt durch unseren fleißigen Bauhof.

Vielleicht ist es anmaßend zu fragen, aber was wäre Füssen ohne den Tourismus?
Vermutlich eine kleine und beschauliche, sehr ruhige Stadt im ländlichen Raum in freilich weiterhin spektakulärer Naturkulisse. Mit viel weniger Geschäften und Restaurants. Ziemlich sicher ohne Festspielhaus, Bergbahn, Schifffahrt, Therme, Walderlebniszentrum und Reptilienzoo. Ohne die Vielfalt an gepflegten Wanderwegen und beschilderten Radrouten. Wahrscheinlich auch ohne gespurte Loipen, da man sich die teuren Loipenspurgeräte eventuell nicht leisten würde oder könnte.
Auch zahlreiche Veranstaltungen fänden nicht statt. Viele Arbeitsplätze und Erwerbsmöglichkeiten für die Einheimischen entfielen, denn Füssen wäre ja nicht automatisch reicher an Gewerbebetrieben und durch deren Gewerbesteuer. Natürlich ist solch ein Szenario unrealistisch. Füssen und die sie umgebende Natur sind zu schön, Neuschwanstein zu nah, die Erwerbsmöglichkeiten aus dem Tourismus zu wichtig und verlockend, als dass so etwas denkbar wäre.

Die touristischen Herausforderungen in Füssen haben sich in den letzten 15 Jahren stark gewandelt. Besonders der Klimawandel stellt den Tourismus vor neue Aufgaben. Wie begegnet Füssen Tourismus und Marketing diesen Veränderungen?
In der Tat ging es früher vorrangig darum, über unser Marketing neue Gäste zu gewinnen und gemeinsam mit den Gastgeberinnen und Gastgebern möglichst jedes Jahr steigende Übernachtungszahlen vorweisen zu können. Dies hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert, da wir inzwischen auch die Belastungen aus dem Tourismus so stark wahrnehmen, dass ein Teil der Bevölkerung dieser für Füssen so wichtigen Branche zunehmend kritisch gegenübersteht und auch nicht mit dem Verweis auf die vielen positiven Wirkungen zu besänftigen ist.
Dies gefährdet die für den Tourismus so wichtige Willkommenskultur. Und natürlich haben sich auch gesellschaftliche Anforderungen und die Umweltbedingungen verändert. So sind gerade im öffentlichen Raum die aus der Notwendigkeit zur Klimaanpassung erwachsenden Erfordernisse zu berücksichtigen, genauso wie der Zugang zu Angeboten barrierearm zu gestalten ist. Ressourcensparsamkeit, Eignung für Familien und natürlich Langlebigkeit durch hohe Qualität sind weitere wichtige Faktoren, von der Digitalisierung ganz zu schweigen.
Alle unsere Projekte stellen wir diesbezüglich systematisch auf den Prüfstand. Der Umgang mit der Natur ist uns ein besonderes Anliegen: Der Besucherdruck muss kanalisiert und, wo nötig, reglementiert werden, begleitet von Maßnahmen zur Sensibilisierung für das richtige Verhalten in der Natur. Das Marketing und die Kommunikation nutzen wir nicht primär, um neue Gäste zu gewinnen, sondern um das Image Füssens positiv zu beeinflussen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Ich habe zu danken für Ihre Zeit und Ihr Interesse.
Das Gespräch führte Sabina Riegger
Fotos: Füssen Tourismus und Marketing



