
Das Dorf
Es war vor acht Jahren, im Frühjahr, als mir eine wunderbare Frau begegnete. Wir unterhielten uns oft tiefgründig und fast war es so, als kannten wir uns schon eine Ewigkeit. Mit ihr zu sprechen fühlte sich ungezwungen an, ich konnte sagen, was ich dachte, ohne mich dabei zu verstellen.
Wir saßen in einem Nebenraum, der als Stillraum vorgesehen war. Sie und ich saßen uns gegenüber. Sie auf einem blauen Sessel, ich auf dem Ledersofa, das seine besten Jahre schon hinter sich hatte. Hier hörte man die Geräusche der medizinischen Geräte nicht mehr, auch kein klingelndes Telefon, keine Unterhaltungen, keine weinenden Babys. Außer uns beiden, den gelben Milchpumpen, und dem Pfennigbaum am Fensterbrett, waren niemand und nichts weiter hier.
Dieser Raum war wie eine Höhle, in die wir uns zurückzogen. Sie war nicht schön, aber sie war da. Und das war das einzig Wichtige. In diesem Raum konnten wir uns zurückziehen. Selbst wenn es nur für einen kurzen Augenblick war. Auch um uns auszutauschen und miteinander zu sprechen. Aber an diesem Tag war es stiller als sonst. Eigentlich saßen wir nur da. Das monotone Geräusch der elektrischen Milchpumpe dominierte den Raum.
Wir konnten miteinander schweigen, was sich in Anbetracht unserer Umstände wie eine warme Umarmung anfühlte. Ich sah vorsichtig auf das Fläschchen, wie es sich langsam mit meinem „weißen Gold“ füllte. So nannte Schwester Monika die Muttermilch.
Die Stille im Raum wurde von einem Lachen unterbrochen. Von ihrem Lachen. Sie lachte innig und versank erleichtert im Sessel.
Ich lachte mit ihr- sie steckte mich an. Das war das erste Mal in den vergangenen Wochen, in denen ich lachen konnte und auch wollte, obwohl ich nicht einmal wusste, worüber wir eigentlich lachten. Sie hielt kurz inne, sah mich an und sagte: „Daran werden wir uns für immer erinnern. Dass du mir hilfst und ich dir! Das macht mich glücklich!“
Ich wollte ihr antworten. Aber ich konnte nicht. Während ich lachte, weinte ich gleichzeitig in Strömen. Ich griff nach ihrer Hand und hielt sie so fest ich konnte. Ich werde sie nie vergessen. Für die Sonne, die sie scheinen ließ, als alles schwarz war. Sie meinte, wir seien starke Menschen. Das sagt sie mir bis heute.
Und sie hat Recht. Das sind wir. Wir alle. Aber vielleicht sind wir es auch wegen der Menschen um uns herum? Was und wie wären wir ohne dieses kleine Dorf rundherum?
Dieses Dorf ist mehr als Geborgenheit. Es ist Zuneigung, Unterstützung und Wachstum. Vertrauen und Mut. Sicherheit und Halt. Liebe und Trost. Mit seiner ganz eigenen Dynamik.
So ein Dorf ist kein Ort.
Es ist ein Zuhause mit den richtigen Menschen.



