
Aufräumen
Ein Freund war gerade am Telefon. Er lebt in einer großen Stadt, umgeben von Studenten, Bars und Freizeitangeboten en masse. Aber er wäre lieber woanders. Wo, weiß er nicht genau. Er ist nicht gebunden und so treibt ihn die Sehnsucht um. Auch die Neugier auf fremde Menschen und Kulturen, auf das Leben an sich. Wahrscheinlich, so sagt er, will er auch vor manchem weglaufen. Er sagt, er will sich umdrehen und loslaufen, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen.
Was ihn daran hindert? Der gute Job, sagt er. Die finanzielle Sicherheit. Aber vor allem hat er Angst vor dem Alleinsein mit sich selbst. Kopf aus, Herz an. Aber was wird danach passieren? Ich konnte ihm keine Antwort geben. Aber was ich konnte, war, ihn zu verstehen. Seine Sehnsucht. Seine Neugier. Etwas Prägnantes unterscheidet uns aber in derselben Sache: Ich habe keine Angst davor, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und Zeit mit mir zu verbringen, Zeit, die unter die Oberfläche geht. Viele können das von Natur aus. Ich habe es gelernt. Und mein Studienfreund wird es noch lernen. Er wollte also meinen Rat, am besten irgendeinen weisen, klugen Rat, der ihn motivieren sollte, seine Ketten zu sprengen.
Ich gab ihm folgenden Rat: „Bevor du dich umdrehst und gehst, solltest du vielleicht vorher aufräumen.“ Er lachte. Und ich wünschte mir in diesem Moment das gute alte spiralförmige Telefonkabel am Hörer zurück, an dem ich herumspielen hätte können, während ich ihm erklären wollte, dass ich keine Wäscheberge oder das benutzte Geschirr in der Spüle meinte. Ich weiß nicht, ob mein Rat ein besonders außergewöhnlicher war, aber es war einer, den ich ihm aus eigener Erfahrung geben konnte. Weil auch ich gerade dabei war, aufzuräumen. „Weißt du“, sagte ich, „manchmal ist das Aufräumen nicht nur eine Vorbereitung, sondern auch eine Entdeckung. Man findet Dinge, von denen man nicht wusste, dass man sie vermisst hat, oder Dinge, die man längst vergessen hatte.”
Es geht darum, sich selbst zu begegnen, aber nicht als Feind oder Richter und das ist die größte aller Hürden.
Es geht um alte Wunden, die berührt werden, um eigene Widersprüche, und um die Freiheit, die entsteht, wenn man sich von Erwartungen anderer lösen kann. Aber manchmal sind Worte nicht genug. Es sind die Erfahrungen, die man machen muss. Und so blieb es bei diesem unvollkommenen, aber ehrlichen Rat. Ein Rat, der nicht die sofortige Lösung versprach, aber meinem Freund dafür eine Richtung bot, in die er gehen konnte, um auf einen Weg zu gelangen, der vielleicht nicht immer einfach sein, ihm dafür aber mehr Klarheit und Standhaftigkeit bringen würde. Ich hoffte, dass er sich beim Aufräumen seiner inneren Räume seinen Ängsten und Sehnsüchten stellen würde, ohne sich davor zu fürchten.
Nach unserem Gespräch war ich irgendwie beruhigt. Weil ich wusste, dass mein Freund irgendwann bereit sein würde, sich umzudrehen und loszugehen, wohin auch immer ihn seine Sehnsucht führen wird. Wissend, dass er seinen eigenen Weg gefunden hat.
„Jeder Mensch sucht nach Halt, dabei liegt der einzige Halt im Loslassen.“
– Hape Kerkeling



