
Gesten der Macht
Die Suche nach der eigenen Identität, der Versuch, dazuzugehören, ohne sich verbiegen zu müssen und einzigartig in der Vielfalt zu bleiben, Unabhängigkeit erlangen und Verantwortung tragen, Krisen bewältigen können und Authentizität wahren: Erwachsenwerden braucht Selbstreflexion, Mut, Toleranz und Empathie, das Selbstverständnis, soziale Normen und Regeln zu akzeptieren, und vor allem braucht es den bedingungslosen Willen, keinen absichtlichen Schaden anrichten zu wollen.
Heute ist der 20. Januar 2025. In Washington wird Geschichte geschrieben. Aber nicht die gute Art von Geschichte. Sondern die, bei der sich einem der Magen schmerzlich zusammenzieht, weil sie von Menschen geschrieben wird, die eines nie sein werden: erwachsen.
Der reichste Mann der Welt steht auf einer Bühne.
„My heart goes out to you“, ruft er ins Mikrofon. Sein Herz gehört ihnen, den Trump-Anhängern. Dann macht er diese rechtsgesinnte Geste. Einmal, zweimal. Die Menge johlt.
Eine Kälte überkommt mich, wie ich sie kaum kenne.
Die Masse feiert ihn wie einen Messias.
Einen Mann, der zukünftig das „Department of Government Efficiency“ leiten wird. Eine Behörde also, die sich das Wort Effizienz auf die Stirn geschrieben hat. Ein Wort, das in der Geschichte aber schon oft missbraucht wurde…
Auf das weltweite Entsetzen seines abstoßenden Auftritts reagiert Elon Musk im Netz bloß mit einem gähnenden Emoji, als wäre alles nur ein harmloses Spiel. Aber ist es das? Ist es ein harmloses Spiel, die Demokratie zu zerstören? Wollen wir uns das leisten?!
Offensichtlich hat die Geschichte viele Menschen nichts gelehrt. Trump spricht von einer neuen Ära. In seiner Ära haben Diversität und Multikulturalität keinen Platz mehr. Es herrscht ein anderer Wind, ein eiskalter. Es sind Zeiten angebrochen, denen man sich entgegenstellen muss, damit sich die Ablehnung, Vertreibung und Ausgrenzung von Menschen nie mehr wiederholen kann. Nirgendwo! Niemand hat das Recht dazu, andere Menschen zu degradieren, die nicht in das eigene, kleinkarierte Denken passen.
Wer wischt die Böden der OP-Säle, arbeitet bei der Müllabfuhr, operiert, pflegt, putzt, verkauft, gestaltet, versorgt, sortiert und lehrt?
In erster Linie sind es keine Deutschen, keine Syrer, keine Amerikaner, keine Asiaten, keine Inder, keine Briten, keine Afghanen, oder Irakis – sondern MENSCHEN.
Von denen jede*r Einzelne wichtig und richtig ist für eine funktionierende Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die von unterschiedlichen Meinungen, Kulturen und Anschauungen leben darf, ohne dem Gift des Rechtspopulismus einen Nährboden zu bieten und die Demokratie zu gefährden.
Demokratie lebt von Widerspruch. Sie lebt von Menschen, die den Mut haben, „NEIN“ zu sagen.
Vor allem dann, wenn andere bloß nicken.
Schweigen ist keine Option.



