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Die Weinrebe

Vitis vinifera

Also, ich muss zu meiner Schande gestehen, dass die Weinrebe bereits 2023 die Heilpflanze des Jahres war! Aber ich denke, das wird Sie auch in diesem Jahr noch interessieren, denn alle ihrer Teile sind heilkräftig, seien es die Früchte, Samen, Blüten, Reben und auch der Weinstock an sich. Die Geschichte der Weintraube ist schon wirklich alt.

Die wilde Traube diente bereits den Menschen der Stein-und Bronzezeit als wertvolle Nahrung. Etwa vor 50 000 Jahren war sie mit der Wanderung des Menschen dann auch in Europa angelangt. Nach den Wildreben entstanden im Zuge der Sesshaftwerdung etwa 12 000 v. Chr. die ersten sogenannten Kulturreben, als unsere Vorfahren besonders schmackhafte Sorten durch Stecklinge vermehrten, also selbst anbauten, ernteten und nutzten.

Die heutige Weintraube Vitis vinifera, die „Weintragende“, kommt als Wildform vom Mittelmeerraum bis nach Afghanistan vor. Historische Denkmäler geben Zeugnis davon, dass die Thraker in den südlichen Gebieten der Balkanhalbinsel sie anbauten und berühmte Weine kelterten. Homer spricht darüber in seinem Epos „Ilias“. Verehrt wurde damals der Weingott Dionysos, von den Römern Bacchus genannt.

Den Völkern Mesopotamiens, des berühmten „fruchtbaren Halbmonds“ an Euphrat und Tigris, der Wiege unserer Kultur, war die Rebe heilig. Die Pflanze galt dort als Garant für Langlebigkeit und soll angeblich Methusalem das biblische Alter von 950 Jahren beschert haben. Die alten Ägypter verbanden den Weinstock mit dem Gott Osiris, denn, wie dieser offenkundig leblos und vertrocknet aussieht und im Frühjahr wieder austreibt, so wurde auch Osiris aus einem scheinbar toten Körper immer wieder neu geboren.

Nun überspringen wir mal kurz einige Jahrtausende, um den geschichtlichen Teil nicht allzu lang werden zu lassen. Dass Jesus bei der Hochzeit zu Kana ein Wunder vollbringt, ist Ihnen ja bekannt: er verwandelte Wasser in Wein! Natürlich nicht zu vergessen das Abendmahl, bei dem Wein als „Blut Christi“ gereicht wird, um die Vereinigung von Gott und Mensch und des Menschen Erlösung zu feiern.

Wussten Sie übrigens, dass man Wein nur mit der rechten Hand einschenken sollte, denn Judas benutzte die linke. Also, jetzt mal endlich zur „Weinpflanze“ in ihrer ausnehmend breitgefächerten Wirkung. Beginnen möchte ich natürlich gerne mit der von mir ja sehr geschätzten Heiligen Hildegard von Bingen. Ihre hervorragende sogenannte „Rebaschenlauge“ ist fast schon legendär und und hat wirklich vielen Menschen bereits geholfen. Sie schreibt hierzu: „… auch, wenn das Fleisch um die Zähne fault und die Zähne schwach sind, schütte warme Rebasche in Wein, so als wolle man eine Lauge bereiten.

Mit diesem Wein wasche (putze) dir die Zähne und das Zahnfleisch. Mach das oft, und das Zahnfleisch wird geheilt und die Zähne werden fest (stark). Wenn die Zähne gesund sind, nützt dieses Mundwasser auch, und sie werden schön.“ Man benötigt tatsächlich reine Asche aus dem Holz der im Frühjahr geschnitten Weinreben. Die erhitzte Asche wird mit heißem Wein übergossen und gut umgeschüttelt.

Da die wenigsten, besonders bei uns im Allgäu wohl Winzer sind, brauchen Sie aber keine Sorge zu haben. So etwas gibt es Gottseidank auch fertig! Hauptsächlich geht es hier um Zahnfleischentzündungen und Parodontose, die ja durchaus auch zum Zahnausfall führen kann. Gegen Karies ist dieses Mittel nicht wirksam, kann allerdings bei regelmäßigem Gebrauch die Zähne sanft aufhellen und Zahnstein vermindern. Zahnfleischschwund und Zahnausfall stehen eindeutig im Zusammenhang, denn, wenn der Zahn keinen Halteapparat mehr hat, wird er, obwohl er noch gesund ist, wohl auf kurz oder lang den Kiefer verlassen.

Das eindrucksvollste Erlebnis hatte ich vor vielen Jahren mit meiner ehemaligen Grundschul-Lehrerin, Gott hab sie selig, der man aufgrund eben eines schweren Zahnfleischschwundes angeraten hatte, sich am besten gleich alle Zähne ziehen zu lassen und eine Prothese zu tragen. Wir haben beschlossen, nicht so schnell aufzugeben und unser Glück zu versuchen. Innerhalb ca. eines halben Jahres hatte sich das Zahnfleisch tatsächlich wieder so weit verfestigt, dass von dieser Maßnahme gar keine Rede mehr war! Werde ich nie vergessen! Aber auch Zahntaschen oder Aphthen können damit sehr gut therapiert werden.

Nun, wie können Sie die Rebaschenlauge anwenden? Erst mal: Vor der „Einnahme“ immer gut schütteln, da der Bodensatz sonst unten in der Flasche bleibt. Wie gewohnt die Zähne putzen und danach mit diesem Mundwasser die Zähne gut umspülen, evtl. nochmals etwas mit der Zahnbürste polieren. Danach ausspucken, und, das ist jetzt auch noch mal ganz wichtig, nichts nachtrinken, sonst wäre ja die feine Wirkung wieder weg. Dazu passend gibt es übrigens auch eine entsprechende Zahncreme.

Ein weiteres bewährtes Mittel nach Hildegard sind die „öligen Rebtropfen“. Hier wieder der Originaltext, da ich es eigentlich immer sehr schön finde, sich in diese Zeit hinein zu versetzen: „Gleich wenn die Rebschößlinge geschnitten werden, soll man die von frühmorgens bis mittags ausfließenden Rebtropfen in einem Gefäß auffangen und ihnen Olivenöl zusetzen, wobei mehr Öl als Rebtropfen sein soll, und wenn jemand im Ohr oder im Kopf Schmerzen leidet, soll er sich damit rund um die Ohren einreiben, und es wird besser.“ Natürlich gibt es auch hier ein „Fertigpräparat“.

An welche Anwendungsgebiete können wir denken? Als Erstes mal Ohrenschmerzen und eine beginnende Mittelohrentzündung, besonders bei Kindern. Hat den ganz großen Vorteil, dass die Tropfen nicht in das Ohr hinein müssen, da ist das Geschrei oft groß, sondern vor und hinter dem Ohr gut eingerieben werden. Es gibt Berichte, dass der Schmerz bereits nach wenigen Minuten nachlässt. Ein leichter Zusatz von Rosenöl macht noch einen angenehmen Duft und erhöht die Haltbarkeit und Wirksamkeit des Mittels.

Wichtig: auch hier vorher gut schütteln und nach Anbruch im Kühlschrank aufbewahren. Vor Gebrauch aber bitte in der Hand etwas anwärmen! Kopfschmerzen, sei es durch eine Erkältung oder Neuralgien, sprich Nervenschmerzen, gerade, wenn der Trigeminus-Nerv betroffen ist, sprechen darauf ebenfalls sehr gut an.

Jetzt gehen wir sozusagen noch mal „ein Stockwerk höher“, nämlich zu den Blättern des Weines. Das „Rote Weinlaub“, also die im Herbst rötlich verfärbten Blätter, sind sicherlich denen gut bekannt, die mit Problemen der Venen zu leiden haben. In einem schon ein paar Jahre alten Artikel von mir über diese Beschwerden lautete der Untertitel: „Warum Briefträger früher keine Krampfadern hatten…“. Bewegung ist in diesem Zusammenhang natürlich auch ganz wichtig, aber gerade Produkte aus den Weinblättern, seien es Salben, Gele, Tropfen oder Tabletten, können solche Beschwerden sehr gut lindern.

Die Anwendung derselben zu medizinischen Zwecken ist bereits aus der Antike bekannt. Der griechische Arzt Galen aus dem 2. Jahrhundert beschrieb hier schon diverse Anwendungsmöglichkeiten, u.a. geriebene Blätter, in Honigwein gekocht, äußerlich gegen Kopfschmerzen. In heißen Gegenden empfahl er Weinblätter mit Ranken als kühlendes Vorbeugemittel. Das kommt unserer heutigen Anwendung doch schon sehr nahe!

Französische Winzer stellten schon relativ früh fest, dass Personen, die die Weintrauben samt Blättern noch mit ihren Füssen stampften, deutlich weniger Venenprobleme hatten. Ist leider heute nicht mehr ganz so lukrativ! Warum funktionierte das so gut? Verantwortlich dafür sind hier sicher die sogenannten Flavonoide, die zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen und die u.a. anti-entzündlich wirken, die Gefäßwände abdichten und verhindern, dass Wasser ins Gewebe eindringt und so Schwellungen und Schmerzen entstehen.

Hier komme ich noch mal ganz kurz zur Heiligen Hildegard von Bingen, deren Tränke so gut wie immer mit Wein zubereitet wurden. Warum? Diese Frage wird mir ziemlich oft gestellt. Erstens war Wasser im Mittelalter, zumindest in den Städten, nicht unbedingt das sauberste und Wein so die deutlich bessere Alternative und der zweite Grund war folgender: Viele pflanzliche Arzneistoffe werden durch Alkohol wesentlich besser und intensiver extrahiert als durch Wasser. Man spricht hier vom Begriff des „Medizinpferds“, dem Wein als Trägersubstanz.

Tja, jetzt bin ich mit dem Wein bei weitem noch nicht am Ende, es fehlen ja noch die Trauben und die ganz tollen Wirkstoffe aus den Kernen. Also gibt es definitiv noch eine zweite Folge!

Seien Sie gespannt!

Ihre Apothekerin
Simone Wagner

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