Kolumne

Der Vollmond-Effekt

Mitternacht ist längst vorbei und noch immer liege ich schlaflos im Bett. Ich versuche, die Gedanken ziehen zu lassen und an nichts zu denken. Aber es gelingt mir nicht. Ich weiß, dass es mir gestern Nacht gelungen wäre, nicht an Ringo Starr zu denken, aber eben nicht heute. Und warum?
Weil heute Vollmond ist. Und genau hier beginnt mein Dilemma.

Die Kraft der Suggestion hat mich fest im Griff. Und ich bilde mir ein, dem sagenumwobenen Mythos der Schlaflosigkeit bei Vollmond restlos ausgesetzt zu sein. Obwohl ich das gar nicht will. Ich müsste wahrscheinlich einfach aufhören, über die abergläubischen Mythen und deren Einfluss auf mich nachzudenken, um einzuschlafen- Vollmond hin oder her. Aber ich kann nicht.

Ich stehe auf, schalte das Licht an und mache genau damit alles nur noch schlimmer. Ich lege Musik von Two Another auf. „Shouldn’t have done that”, der erste Track läuft. Mein Kreislauf ist jetzt, kurz vor ein Uhr nachts, wieder voll in Schwung und das Szenario damit perfekt. Weil ich Fakten mag, beschließe ich nach einer plausiblen Erklärung für meine Schlaflosigkeit zu suchen.

Ich sitze in meinem blau gestreiften Leinenmix-Pyjama am Tisch vor meinem Laptop und recherchiere Folgendes: „Schlaflosigkeit bei Vollmond”. Einen kurzen Moment zweifle ich an meinem nächtlichen Vorhaben, aber dann spuckt Google unzählige Antworten aus, und alle Zweifel sind sofort im Keim erstickt.

Ich arbeite mich durch und stoße auf Begriffe wie Mondfühligkeit, Eisprung, Ebbe und Flut. Ich hatte mehr erwartet. Aber ich arbeite mich weiter durchs Netz. Und tatsächlich, ein paar Klicks später erscheint diese Studie aus dem Schlaflabor der Charité. Der Wissenschaft dicht auf den Fersen fange ich an zu lesen. Die wichtigsten Keywords: Elektronen, Hirntätigkeit, Probanden, Melatonin, Befundlage nicht eindeutig, und weiter steht da: „Allein schon die Erwartung, in einer Vollmondnacht schlecht zu schlafen, kann dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung werden…”

Ich beschließe, keine Erwartung mehr zu haben und mir die Macht über meinen Schlaf wieder zurückzuholen. Und zwar gleich, wenn ich wieder im Bett liege. Aber vorher google ich noch nach Ringo Starr. Und tatsächlich: Ringo lebt.

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