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„Füssener sollten in Füssen bleiben können, auch nach dem Tod“

Seit dem 1. Oktober ermöglicht die Stadt Füssen muslimischen Bürgerinnen und Bürgern,
sich nach islamischer Tradition bestatten zu lassen.

Das bedeutet, dass die verstorbene Person ohne Sarg, in einem Leichentuch und mit Ausrichtung gen Mekka beerdigt werden kann. Dieser Entscheidung des Stadtrats ging die Änderung der bayerischen Bestattungsordnung am 1. April 2021 durch die bayerischen Gesetzgeber voraus.

Da es bereits vorher eine Anfrage gab, fand die erste muslimische Bestattung auf dem Waldfriedhof bereits am 20. September statt. Das berichtet der Leiter des Füssener Standesamtes, Andreas Rösel. Dabei hätten sich die Bestatter laut des Imam und der muslimischen Gemeinde Füssens „nicht so schlecht angestellt, für das erste Mal. Nein, ich muss sagen, es hat sehr gut funktioniert.“

Die Gräber für muslimische Bestattungen sind in den Abteilungen I und J zu finden, also an der König-Ludwig-Promenade und der Straußbergstraße gelegen. Diesen Bereich habe der Imam festgelegt, da die Verstorbenen auch im Grab ihren Blick in Richtung Mekka werfen müssen. So sind die entsprechenden Gräber auch leicht zu erkennen, da sie nicht gerade zum Weg, sondern leicht versetzt liegen.

Ebenfalls aus diesem Grund liegen die Gläubigen nicht in der Erde, sie werden leicht aufgerichtet platziert, sinnbildlich auf die heiligste Stadt des Islams und tatsächlich zwischen dem Tegelberg und dem Säuling hindurchblickend.

Eine sarglose Bestattung ist aus Glaubens- oder anderer ethischer Gründe möglich, die generelle Sargpflicht allerdings ist nicht außer Kraft gesetzt, betont der Standesamtsleiter. Deshalb wird auch der Leichnam einer verstorbenen muslimischen Person in einem Sarg zum Grab transportiert. Darin liegt der Leichnam auf einer Art Tragetuch. Mit diesem wird er mit sechs Trägern aus dem Sarg gehoben und leicht aufgerichtet in das ausgehobene Erdloch gelegt.

Auf die oder den Verstorbenen wird daraufhin ein Holzbrett postiert. Das zum einen, da die Erde des Waldfriedhofs durchsetzt ist von Kies und größeren Steinen. „Diese würden den Körper beim Einfüllen der Erde zerschmettern.“ Zum anderen fördert der durch einen Hohlraum eingeschlossene Sauerstoff den Verwesungsprozess.

Im April beschloss der Füssener Stadtrat die Satzung und man einigte sich darauf, erst im Oktober mit den sarglosen Bestattungen zu beginnen. „Wir wollten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst einmal schulen, wie so etwas geht. Davon hatten wir alle keine Ahnung“, so Rösel.

Sehr dankbar sei er hier der Stadt München. Privat habe er gelesen, dass eine Bestattungsanstalt der Landeshauptstadt bereits Erfahrungen damit hat. So suchte er Kontakt zu dieser und bat darum, bei einer muslimischen Bestattung dabei sein zu dürfen. Besser noch, Rösel und sein Friedhofs-Team wurden eingeladen, eine solche Prozedur zu üben. – „Mit einem Dummy. Eine Trockenübung“, nennt es Rösel.

Füssener sollten in Füssen bleiben können, auch nach dem Tod. Das sei Rösel ein Anliegen gewesen. Im Gespräch mit der muslimischen Gemeinde habe sich die Annahme bestätigt, dass sehr viele muslimische Bürgerinnen und Bürger in Füssen fest verwurzelt sind.

„Hier sind ihre Verwandten, Bekannte und Freunde. Sie sollten also nicht aus Glaubensgründen zum Beispiel zurück in die Türkei müssen.“ So befürworte Rösel es sehr, dass die sarglose Bestattung unter entsprechenden Voraussetzungen nun möglich ist. Außerdem bringe es etwas Geld ein, um den Friedhof zu unterhalten und weiterhin zu pflegen.

„Die Friedhofskultur hat sich gewandelt, viele möchten kein Grab mehr. So hofft er, dass sich jetzt vermehrt Muslime hier bestatten lassen. „Für mich ist das jetzt die einzige Chance, eine Kostenbremse für die Füssener Friedhöfe zu installieren“, gibt er zu.

Die Zusammenarbeit mit der Glaubensgemeinschaft sei sehr vertrauensvoll und gut, betont Rösel. Interesse habe immer wieder bestanden. Ein Kindergrab beispielsweise hat bereits die typische Ausrichtung, allerdings wurde damals noch kein Leichentuch verwendet. Aktuell ist die Anzahl muslimischer Gräber auf etwa 30 begrenzt.

„Aber wir haben genügend Platz auf dem Waldfriedhof, um neue Grabflächen auszuweisen.“ Auch eine Baumbestattung und Urnengräber in einem Hochbeet sind verschiedene neue Varianten. „Wir sind auch dabei, auf lange Sicht Gemeinschaftsgräber anzubieten.“ Auch für besondere Bestattungen anderer Glaubensgemeinschaften und Religionen seien er und sein Team offen.

Eine würdevolle, letzte Ruhestätte. Das wünscht sich der Leiter des Standesamts für alle Verstorbenen. Deshalb soll der Waldfriedhof wieder mehr ins Bewusstsein rücken, sozusagen belebt werden. Die muslimische Gemeinschaft stelle dabei nur einen Baustein dar. „Das Sterben ist ein Thema, mit dem wir uns alle auseinandersetzen müssen.“

Parkähnlich angelegt, einladend und ein Ort der Begegnung. „Es soll ein Ort sein, wo man zur Ruhe kommen kann in unserer hektischen Zeit.“ Trauernden könne es helfen, mit dem Schmerz nicht allein zu sein. Deshalb möchte Rösel zukünftig auch Hunde auf dem Areal erlauben. „An der Leine, versteht sich.“

Mit dem Hospiz möchte das Standesamt verstärkt zusammenarbeiten, um die Betroffenen mehr zusammenzuführen. Und damit auch das Verweilen auf dem Friedhof angenehmer und attraktiver wird, könne sich Rösel vorstellen, eine Art Spendenaktion für Bänke mit Lehne zu organisieren.

Der Waldfriedhof soll nicht nur erhalten, sondern sogar verbessert werden. Auch für Insekten, Vögel und andere Tiere: Zukünftig gibt es keinen „englischen Rasen“ mehr. Die großen Rasenflächen sollen wachsen dürfen. Eine grüne Oase soll der Waldfriedhof werden, einladend und nachhaltig.

Text: Selma Hegenbarth · Foto: Hubert Riegger

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