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Der Tourismus braucht ein gemeinsames Qualitätsverständnis

Pandemiebedingt steckt der Tourismus seit zwei Jahren weltweit in der Krise. Der Krieg in der Ukraine ist ein weiterer Faktor, der einen großen Einfluss auf den Tourismus ausübt – auch im Ostallgäu. Existenzen stehen auch in der erfolgsverwöhnten Branche Tourismus auf dem Spiel. Doch welche Risiken und vielleicht sogar Chancen ergeben sich für den Tourismus in der jetzigen Situation? Wir sprachen darüber mit Füssens Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier.

In einem Interview sprachen Sie davon, dass der Tourismus die schwerste Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erlebt. Eine beängstigende Aussage. Muss man sich zurecht Sorgen machen?
Bisher hat sich der Tourismus trotz aller Krisen und Herausforderungen sehr robust gezeigt. Nicht zuletzt auch Dank der Unterstützung seitens des Bundes und des Freistaats. Sicher muss man sich trotzdem Gedanken und Sorgen machen; nicht nur um den Tourismus, sondern um die globale Entwicklung insgesamt, in deren Sog der Tourismus sehr schnell und immer wieder gerät. Aktuell sehe ich die größten Herausforderungen in den Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine mit Energieknappheit und hohen Energiekosten, Inflation, Konsumzurückhaltung und durchaus auch der Angst, in diesen Krieg hineingezogen zu werden; weiters in der noch nicht wirklich beendeten Corona-Pandemie und nicht zuletzt in dem aktuell nicht ausreichend zu deckenden Fachkräftebedarf.

Krisen bergen auch immer wieder Chancen. Wie könnten diese Chancen speziell für Füssen und das Ostallgäu aussehen?
Das Allgäu als Lebens- und Urlaubsraum und mit ihm die Marke Allgäu sind ungeheuer stark und attraktiv. Eine Chance kann darin bestehen, sich noch stärker auf Qualität, Regionalität, Authentizität, Werte und Nachhaltigkeit zu besinnen, in diesem Sinne den Tourismus zukunftsverantwortlich zu gestalten und nicht nur „leicht verdiente Euros auf der touristischen Rennstrecke mitzunehmen”. Glücklicherweise haben wir sehr viele Gastgeber, die sich bereits seit langem so aufstellen – u.a. als Markenpartner Allgäu. Dennoch ist es uns noch nicht gelungen, ein wirklich umfassendes Netzwerk mit einem gemeinsamen Qualitätsverständnis, vertrauensvoller Kooperationsbereitschaft und dem Ehrgeiz nach Exzellenz aufzubauen. Diesbezüglich gibt es noch so einige Grauzonen in unserer schönen Stadt, und noch zu viele Akteure sind als Einzelkämpfer*innen unterwegs.

Der Tourismus ist eine starke Wirtschafts-Säule in Füssen. Wieviel Prozent macht der Tourismus in Füssen tatsächlich aus?
Letzte wissenschaftliche Untersuchungen auf der Grundlage von Zahlen aus dem Jahr 2019 belegen, dass mit knapp 230 Millionen Euro rund ein Viertel des in Füssen erwirtschafteten Volkseinkommens der Einheimischen dem Tourismus zuzuschreiben sind. Für einen Außenstehenden sind solche Werte nur schwer einzuordnen. Die Wirkung des Tourismus zeigt sich u.a. in zahlreichen Arbeitsplätzen, dem damit verbundenen Lebensunterhalt für viele Familien in Füssen und Umgebung, aber auch vielen Einrichtungen und Veranstaltungen, die zum Teil oder gänzlich aus touristischen Mitteln finanziert werden und unser Leben bereichern.

Freilich haben wir uns vielfach an diese Annehmlichkeiten gewöhnt, betrachten sie als selbstverständlich und sehen oft nur noch die Nachteile, die mit dem Tourismus – zweifelsfrei – verbunden sind, z.B. die Überlastung der Verkehrsinfrastruktur in der Hauptsaison. Der Tourismus ist die einzige aktuelle, von außen wirklich wahrgenommene und imageprägende Spitzenleistung Füssens. Unsere Stadt gilt als Ort höchster touristischer Attraktivität und Kompetenz und entsprechender Lebens- und Aufenthaltsqualität. Der Stolz der Einheimischen auf diese Spitzenleistung ist indes vergleichsweise schwach ausgeprägt. Häufig hört man reflexartig ein „Ja, aber…”

Als Kommunalunternehmen der Stadt Füssen sind sie zu 100 Prozent eine Tochterfirma der Stadt Füssen. Wenn Füssen Tourismus und Marketing in finanzielle Schieflage käme, müsste die Stadt Füssen dafür einspringen. Wie realistisch ist das, nachdem der städtische Haushalt in einer fast desolaten Situation ist.
Als Anstalt des öffentlichen Rechts ist Füssen Tourismus und Marketing eine 100%ige Tochter der Stadt Füssen, gleichzeitig juristisch und wirtschaftlich eigenständig. Das Unternehmen ist aktuell wirtschaftlich gesund und schuldenfrei. Gleichzeitig spüren wir einen zunehmenden Druck, der aus der prekären Haushaltssituation der Stadt Füssen resultiert und dazu führt, bei immer mehr freiwilligen Leistungen der Stadt Füssen zu überlegen, ob eine Finanzierung mindestens zum Teil aus touristischen Mitteln erfolgen kann. Vor allem der Kämmerer der Stadt Füssen, Thomas Klöpf und ich, sind in der Pflicht, Entlastungen des städtischen Haushalts durch FTM zu prüfen, gleichzeitig aber das Unternehmen FTM nicht zu überlasten und vor allem sowohl steuerlich als auch abgabenrechtlich jederzeit zu 100% korrekt zu verfahren. FTM übernimmt bei dieser Fragestellung proaktiv Verantwortung, d.h. liefert von sich aus Vorschläge zur Entlastung und übernimmt nach Möglichkeit Projekte der Stadt Füssen, so diese mit der Satzung und Finanzierung des Unternehmens vereinbar sind. Jede* sollte wissen: In FTM fließt aktuell kein Cent Steuergeld; die Finanzierung erfolgt fast ausschließlich aus den touristischen Abgaben des Kurbeitrags und Fremdenverkehrsbeitrags. Ziel muss es sein, FTM als starkes Instrument der Wirtschaftsförderung handlungsfähig zu halten, damit das Unternehmen auch weiterhin Beiträge leisten kann, den Lebensraum Füssen positiv zu gestalten.

Füssen, die romantische Seele Bayerns. Entspricht Füssen diesem Slogan noch?
Die meisten Gäste würden diese Frage mit „ja” beantworten! FTM hat gelernt, die Stadt aus der Perspektive der Gäste, aber auch der Einheimischen zu betrachten. Letztere murren teilweise deutlich hörbar über Nachteile wie Verkehrsbelastung, Wohnraumknappheit oder erhöhtes Preisniveau. Durchaus verständlich. Trotz allem bleibt Füssen eine ungemein attraktive Stadt mit reichem kulturellen Erbe, in einem spektakulären Naturraum und mit einer Lebensqualität, um die uns viele beneiden. Ja, der Eindruck der „romantischen Seele” ist sehr stark spürbar – wenn man sich die Zeit nimmt, die Stadt auf sich wirken zu lassen und nicht nur in den Notwendigkeiten des Alltags stecken bleibt. Und dann kann man auch wahrlich stolz sein auf unsere Stadt!

Vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen für das Interesse.

Das Gespräch führte Sabina Riegger
Foto: Portrait: FTM, Stadt Füssen: Hubert Riegger

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