Kolumne

Mut

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Frau. Es liegt inzwischen einige Jahre zurück. Aber niemals werde ich vergessen, was sie erzählte und wie sie darüber sprach. Vor mir saß die Mutter einer Tochter. Sie erzählte mir, wie sie mit ihrem Säugling aus einer Kultur floh, in der ein Mann über allem steht, auch über dem Leben einer Frau.

Ich wünschte mir, ihre Erfahrungen, ihre Geschichte wäre eine andere gewesen. Eine, in der jedes Leben gleichwertig ist. Unabhängig vom Geschlecht oder einem religiösen Hintergrund. Fernab von jeglichen kulturellen Zwängen. Unzähligen Frauen da draußen ergeht es wie der Frau, die mir damals gegenübersaß und sich ihren Schmerz von der Seele sprach.

Ihr ungebrochener, unbeugsamer Wille ist für einige Frauen die einzige Möglichkeit auf ein neues Leben. Ein Leben der Selbstbestimmtheit und Freiheit. Aber was bedeutet Freiheit wirklich? Ist die Freiheit ein Gefühl oder eine Entscheidung? Ich glaube, Freiheit beginnt mit Mut. Und erst dann.

Gestern sah ich ein Interview der iranischen Journalistin und Frauenrechtlerin Masih Alinejad. Acht Millionen Menschen folgen ihr auf Social Media. Ihre Botschaft ist unüberhörbar. Und nicht nur wegen ihrer bestimmenden und hingebungsvollen Sprache. Sie ist ein Sprachrohr der Unterdrückten, das Sprachrohr der Frauen unter diktatorischen, islamischen Regimes. Ihre dichten Locken wehen im Wind, während sie sagt: „Wenn der Rest der Welt, vor allem die demokratischen Länder, nicht eingreifen, wird das iranische Regime noch mehr Frauen wie Masah Amini töten.“

Masah oder Jina Amini war eine 22-jährige kurdische Frau, die von der „Sittenpolizei“ ermordet wurde, weil ihr Kopftuch zu locker saß.

Es ist wichtig, nein, sogar essenziell, die Stimme zu erheben, wo auch immer Unrecht geschieht. In vielen Ländern ist aber nicht mal das möglich. Jedenfalls nicht, ohne sein Leben dabei zu riskieren.
IranerInnen und dort lebende KurdInnen gehen auf die Straßen ihres Landes und rufen das Zitat der kurdischen Freiheitsbewegung: „Jin, Jiyan, Azadi!“ – „Frau, Leben, Freiheit!“

Ein Protestruf nach Freiheit und gegen ein frauenverachtendes Terror-Regime.
Jin, Jiyan, Azadi!

Für die Frauen im Iran, in Afghanistan für Jesidinnen, für alle Frauen. Dort und unter uns.

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