Kolumne

Die Gleichzeitigkeit

„Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Unzählige Male habe ich mir das afrikanische Sprichwort durchgelesen, weil es mich an ein Gespräch erinnerte, das ich vor einiger Zeit hatte.

Ich sprach mit einer Wissenschaftlerin der Pharmakologie. Geplant waren einige kurze Fragen, geendet ist es in einer leidenschaftlichen Diskussion über die Welt, in der wir heute leben und über das, was die Zukunft wohl mit sich bringen wird. Auf einmal ging es um mehr als antikörperbasierte Nachweisverfahren. Jetzt ging es um die Meinungsfreiheit in einer Demokratie, aber auch um Lobbyisten, um soziale Ungerechtigkeit, um Religions- und Pressefreiheit. Aber vor allem ging es um Veränderung.

Am Telefon wurde es nach vielen Worten irgendwann still. Ich wartete. Es war, als würde sie den Schlusssatz eines Plädoyers vorbereiten:
„Alles wird sich ändern. Und alles, wirklich alles ist im Leben miteinander verbunden.“

Jetzt schwieg ich. Noch lange Zeit nach unserem Gespräch dachte ich an ihre Worte.

Heute sind mehrere Wochen vergangen. Wochen, die schon jetzt mehr Veränderung mit sich brachten, als man sich vorstellen konnte. Wochen, in denen ich mir gewünscht hätte, die Veränderung wäre eine andere gewesen. Wochen, die noch lange zu spüren sein werden. Wochen des Krieges mitten in Europa.

Unrecht und Wahnsinn, Tod, Gewalt, Kalkül, Angst und Ungewissheit stehen Auge in Auge mit Solidarität, Zusammenhalt, Entschlossenheit, Mut und einer geschlossenen Weltgemeinschaft. Wahrscheinlich ist es genau das, wovon die Wissenschaftlerin sprach. Alles ist miteinander verbunden. Wie eine Kettenreaktion. Vielleicht ist es eine Gleichzeitigkeit der Dinge…

Das Gesicht der Welt hat sich verändert. Und wahrscheinlich wird es sich weiter verändern. Aber Freiheit und Selbstbestimmtheit dürfen keine Privilegien sein. Für niemanden auf dieser Welt. Niemals wieder. In keinem Land, in keinem Volk, in keiner Ethnie. Und genau dafür brauchen wir immer „viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun…“

„Alle sprechen über Frieden, aber niemand lehrt ihn. In dieser Welt lehrt man nur den Wettbewerb, und der Wettbewerb ist der Beginn jedes Krieges. Wenn man zur Kooperation und Solidarität erzieht, dann wird man ab diesem Tag den Frieden lehren.“

Maria Montessori

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Das könnte Dich auch interessieren
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"