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Der Gunglhos in Schwangau

Neben dem Fasnachtsumzug, der aufgrund der aktuellen Corona-Situation auch dieses Jahr ausfällt, ist seit Jahrzehnten das Gunglhos das herausragendste Ereignis der Schwangauer Faschingssaison. Doch was ist ein „Gunglhos“?

Zu einer Zeit, in der im Allgäu nicht die Milchwirtschaft, sondern der Flachsanbau und dessen Verarbeitung dominierend waren, gab es in vielen Dörfern gemeinsame Spinnstuben. Dort kam man an den langen Winternachmittagen und –abenden zusammen und hat den Flachs verarbeitet. Hauptwerkzeug war das Spinnrad mit der sogenannten Kunkel. So mag wohl die Bezeichnung „Kunkelhaus“ entstanden sein, und daraus hat dann später der Volksmund im Dialekt das „Gunglhos“ gemacht.

Die Spinnstuben waren die Treffpunkte von unverheirateten Frauen, um für ihre Aussteuer zu spinnen und andere Handarbeiten zu verrichten. Doch nicht nur sie fanden sich dort ein, sondern auch die Burschen, die Musik machten. Es wurden Volkslieder gesungen. Die Spinnstubengeselligkeit hatte u. a. auch eine besondere Bedeutung für die Pflege der Überlieferung des Erzählgutes, der Volkssagen, der Volkserzählungen. Eine besondere Note erhielt dieses Erzählgut, wenn der Altbauer (Großvater) oder die Altbäuerin (Großmutter), die im Hintergrund der Spinnstube saßen und zuhörten, am Gespräch teilnahmen. Ja, sie waren es meist, die mit ihren erzählenden Darbietungen, die meistens schaurige Geschichten von bösen Geistern, Hexen und feurigen Männchen erzählten, eine besondere, erregende Atmosphäre in der Spinnstube unter den Teilnehmerinnen erzeugten. Doch nicht nur solche Geschichten erzählte man sich, sondern auch Geschichten des dörflichen Lebens. Es wurden Neuigkeiten erzählt und so mancher Ratsch und Tratsch manchmal auch Neuigkeiten aus der „Großen Welt“, die ein herumreisender Hausierer oder Handwerker ins Dorf brachte. Das „Kunkelhaus“ war eine Nachrichtenbörse und zugleich ein kritisches Forum. Nach dem „Spinnen“ war es vielfach üblich, dass die Burschen die Mädchen am Ende des Abends besuchten und nach Hause begleiteten. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, wo es möglich war, halbwegs unbeobachtet eine Beziehung anzubahnen.

Die Zeit des Spinnstubengehens im Winterhalbjahr war auch landschaftlich und dörflich genau geregelt. Die gewöhnliche Dauer war von Kirchweih bis Ostern. Fast jedes Haus hatte in der Fasnacht sein eigenes „Gunglhos“ und zum Teil wurde dort auch getanzt. Die Obrigkeit hat diesen Brauch nicht gerade gerne gesehen, weil ihr sicher bekannt war, dass bei diesem „Gunglhos“ manchmal recht respektlos über sie geredet wurde. Zum Teil hat man sogar verboten, dass Bier in den Häusern zum Gunglhos ausgeschenkt wird. Sicher hat dieses Verbot aber nie viel genützt.

Der Faschingsverein Schwangau hat dann diesen Brauch 1971 übernommen. Die Bäuerin Thekla Mayr aus Horn war es, die im Jahr 1970 zu Schorsch Grieser sagte: „Du könntest doch einmal etwas für uns schreiben“, und so kam es dann, dass im darauffolgenden Jahr das erste Mal die Bäuerinnen und Hausfrauen Thekla Mayr, Anni Helmer, Pepi Guggemos, Fanny Köpf, Anneliese Köpf, Maria Groß, Irene Schindele, Luise Geiger und Schorsch Grieser (als Magd) unter der Regie von Anneliese Grieser im Weinbauersaal auf der Bühne das Gunglhos spielten. Seitdem ist der Gunglhos in Schwangau nicht mehr wegzudenken. Vielleicht gibt es im nächsten Jahr wieder die Gunglhosabende. Denn zu erzählen gäbe es sicher viel.

Text: Sabina Riegger · Foto: Wikipedia

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