Gesundheit

Meilensteine vor 100 Jahren und heute

Diabetes: Die Entdeckung des Insulins liegt nun ein Jahrhundert zurück. Welche neuesten technischen Entwicklungen Betroffenen heute helfen

Vor 100 Jahren gelang in der Diabetologie ein bahnbrechender Durchbruch: Kanadische Forscher entdeckten das Insulin. „Davon profitieren bis heute alle Menschen mit Diabetes Typ 1, aber auch viele mit Diabetes Typ 2, das kann man gar nicht hoch genug schätzen“, sagt der Kaufbeurer Oberarzt Dr. Thomas Kehle. Der Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie berichtet gemeinsam mit dem Chefarzt der Kinderklinik, Professor Dr. Markus Rauchenzauner, über den heutigen Stand der Therapien sowie über neueste technische Fortschritte. Dazu zählen die sogenannten Closed-Loop-Verfahren, bei denen Messgerät und Insulinpumpe miteinander verbunden sind. Dennoch betonen die Kaufbeurer Spezialisten: „Es gibt keinen Urlaub von Diabetes“. Erkrankte dürften demnach ihre eigene Therapie nie vernachlässigen.

Um zu verdeutlichen, wie gut es sich heute trotz fehlender Heilungsmöglichkeiten mit Diabetes mellitus leben lässt, blicken die Ärzte zurück in die Zeit vor der Entdeckung des Insulins. Hierbei handelt es sich um ein Stoffwechsel-Hormon, das der Körper in der Bauchspeicheldrüse produziert und das lebenswichtig ist, da es den Blutzuckerspiegel reguliert. „Damals handelte es sich bei Diabetes noch um eine tödliche Krankheit“, berichtet Kehle. Betroffene überlebten etwa ein oder zwei Jahre, bevor sie abgemagert ins diabetische Koma fielen und starben. Doch dem kanadischen Chirurgen Frederick Banting und seinem Assistenten, dem Physiologen und Biochemiker Charles Best gelang es, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden zu isolieren. Wenig später injizierten sie einem 13-jährigen Jungen mit Diabetes tierisches Insulin. Das senkte seine gefährlich hohen Blutzuckerwerte. Er erholte sich nach wenigen Tagen und lebte noch 13 Jahre mit dem Insulin weiter. Ein Durchbruch.

Damit arbeitete die Medizin lange Zeit, rettete und verlängerte Leben. „Doch in den vergangen Jahrzehnten gab es eine neue Explosion der Möglichkeiten“, erzählt Rauchenzauner. Die Lebensqualität von Menschen mit Diabetes ist nach seinen Worten extrem gestiegen. Doch er und Kehle appellieren: „Diese Entwicklung muss weitergehen. Dazu braucht es Profis, die all die hochtechnischen Pumpen und Sensoren kennen und einen Überblick über die Möglichkeiten haben. Das gelte nicht nur für die ärztliche Seite, sondern ebenso für die Pflege, Diabetesberatung, Ernährungsberatung und alle anderen involvierten Fachkräfte. Aufgabe dieser Teams sei es, nicht nur Betroffene, sondern ganze Familien zu betreuen. Rauchenzauner berichtet dabei vom ohnehin schon schwierigen Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter. Diese Transition sei für Diabetikerinnen und Diabetiker zwischen dem 16. und 24. Lebensjahr noch schwieriger. „Schließlich geht es ja vom Kinderdoktor, der immer Zeit hat und nett ist, zum strengeren Erwachsenenarzt und zu mehr Eigenverantwortung“, verdeutlicht Rauchenzauner.

Was das bedeutet, ergänzt Kehle: Es gebe kaum eine andere Krankheit, bei der die Patientinnen und Patienten so in der Verantwortung stehen und so viel selbst steuern müssen, wie bei Diabetes. Das gilt nicht nur an 365 Tagen im Jahr, sondern auch nachts. Schließlich müssen Betroffene mehrmals am Tag Therapie-Entscheidungen treffen – wann brauchen sie wie viel Insulin? Das hängt mitunter davon ab, was und wie viel sie gegessen haben oder noch essen wollen und wie viel sie sich bewegen. Bemerken sie Unterzucker in der Regel zwar durch Schwitzen, Zittern oder Schwäche – in Extremfällen kann er bis zur Bewusstlosigkeit führen – gilt das nicht für Überzucker. Dieser bleibt unbemerkt, kann jedoch die Gefäße schädigen. Bleiben die Zuckerwerte über Jahre zu hoch, steigt die Gefahr für Schäden an Augen, Nerven und Nieren, für Herzinfarkte sowie für Schlaganfälle.

Beiden Ärzten ist klar, dass die medizin-theoretisch beste Behandlung und der Lebensalltag der Menschen zweierlei sind. Daher sprechen sie sich für einen gewissenhaften und dennoch moderaten Aufwand aus. „Es gibt Familien, in denen sich alles nur noch um den Zucker dreht“, berichtet Rauchenzauner.

Hier spannen sie den Bogen zur zweiten revolutionären Entwicklung – der Blutzuckermessung, die in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht habe. „Die Messgeräte für Zuhause werden immer kleiner und es gibt Modelle, die den Blutzuckerspiegel kontinuierlich auf dem Smartphone anzeigen“, sagt Kehle. Diese sind etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück und Patienten können sie zehn bis 14 Tage am Oberarm tragen. Gleiches gilt für durchgehend arbeitende Insulinpumpen. Die neueste Entwicklung ist nun, die beiden Geräte mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) zum sogenannten Closed-Loop (geschlossenen Kreislauf) zusammenzubringen, was auch in Kaufbeuren und im Ostallgäu bereits geschieht. Das funktioniert vor allem nachts, wenn der Körper in Ruhe ist, schon sehr gut. Tagsüber, wenn die Menschen sich bewegen und essen, ist noch mehr Initiative gefragt. Dann macht die KI Vorschläge zur Insulindosis auf dem Smartphone, die Entscheidung bleibt bei den Patientinnen und Patienten. In den vergangenen 100 Jahren hat sich zu ihrem Wohl viel getan. Ärzte wie Kehle und Rauchenzauner arbeiten daran, dass das Leben mit Diabetes noch leichter wird.

Text/Bild: Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"