Kolumne

Das Grösste

Zeit ist etwas sehr Subjektives. Und schwer greifbar. Manchmal gibt es Phasen im Leben, Momente oder Situationen, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht, als die Zeit anzuhalten. Oder sie zu verändern: Zurück in die Vergangenheit gehen zu können, um Dinge anders zu machen oder etwas nochmal zu erleben und fühlen zu können.

Ich glaube, zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, der Zeit hinterherzurennen. Zum ersten Mal verstehe ich, wie vergänglich Zeit ist, wie sie nie dieselbe ist, welchen Einfluss sie hat, welche Zeichen sie setzt und wie unaufhaltsam sie voranschreitet.

Ob man will oder nicht – die Zeit wartet nicht. Das ist faszinierend und dabei beängstigend zugleich. Die Zeit ist nicht nur eine physikalische Größe, sie ist viel mehr als das.

Zehn Jahre. Klingt das viel?

Für mich klingt es nach einer Ewigkeit. In Wahrheit weiß ich aber, wie wenig zehn Jahre sind. Ich erinnere mich zurück, als war es gestern, obwohl inzwischen 120 Monate, 3.650 Stunden, 87.600 Stunden, 5.256.000 Minuten und 315.360.000 Sekunden vergangen sind.

Ich erinnere mich so gut daran, weil es nichts Vergleichbares gibt, nichts, das sich jemals auch nur im Entferntesten so anfühlen könnte – zu keiner Zeit. Nichts, das so groß und erfüllend ist. Nichts von dieser Bedeutung. Keine Herausforderung ist größer, kein Gefühl stärker, keine Verzweiflung so schwer, keine Liebe inniger, kein Vertrauen unerschütterlicher und kein Stolz größer.

Nichts.

Zehn Jahre mit Weinen, aber noch viel mehr Lachen. Hinfallen und wieder Aufstehen. Lernen und Verlernen. Erfahren und Fühlen. Vor und zurück, und nochmal, und nochmal.

Gewinnen und Verlieren. Sehen und gesehen werden. Mutig sein und Angst haben. Laut und leise, aber nie still. Meilensteine; kleine und große. Viele Wege, viele Ziele. Unterschiedliche Größen, aber immer auf Augenhöhe.

Viel Zeit ist also vergangen. Das weiß ich. Aber es fühlt sich nicht so an. Ich renne der Zeit hinterher.
Aber für nichts würde ich lieber rennen. Ich bin nicht müde davon und werde es auch nicht.

Ja, Zeit ist vergänglich- aber nicht das, was sie mit sich bringt, was sie einem gibt, schenkt, zeigt, lehrt und auch oft abverlangt.

«Mama, gehen wir jetzt los? », fragt er und lächelt mich an. Ich liebe ihn. Vom ersten Moment an, vor zehn Jahren.

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