Kolumne

Im Umbruch

Man soll nicht über Politik, Religion oder Geld sprechen, heißt es.
Aber ich mache es trotzdem…

Heute habe ich Esma kennengelernt. Sie ist Mitte 50, zierlich und eher unscheinbar. Esma ist Reinigungskraft auf einem kleinen Campingplatz.
Sie putzt anderen hinterher: In den Duschen und den Toiletten. Die Tage zuvor haben wir uns flüchtig zugenickt und uns angelächelt. Heute sind wir ins Gespräch gekommen. Ich habe mich bei Esma bedankt und gleichzeitig auch entschuldigt.

Die Toiletten sind eine Zumutung. Jedenfalls dann, wenn Esma nicht da ist. Viele denken und reden in Klischees: «Selbst Schuld. Hätte sie halt besser in der Schule aufgepasst…»
Manchmal frage ich mich, wie gut man wohl in der Schule gewesen sein muss, um nicht runterzuspülen oder benutzte Tampons auf den Boden zu werfen.

Hier in Europa putzt Esma. Knapp 3.000 Kilometer südlich war sie Apothekerin.

Es ist früh am Morgen. Die Sonne steht tief über dem Meer. Schon jetzt zeigt das Thermometer 27 Grad. Es ist ruhig auf dem Platz. Außer uns beiden scheint niemand sonst unterwegs zu sein. Esma muss weiterarbeiten, sagt sie, und lächelt mich an.

Ich bleibe noch einen Moment sitzen und denke nach. Sofort kommt mir das Wort Umbruch in den Sinn.
Zur Zeit fühlt es sich an, als würde sich alles ändern. Und manchmal macht mir das Angst.
Ich denke, solange Menschen wie Esma für andere «selber schuld» sind, Toleranz, Wertschätzung, aber auch Akzeptanz und Solidarität für viele Menschen Fremdwörter bleiben und Politiker*innen leere Versprechen machen und fragwürdige Politik betreiben, Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, sie verfolgt werden oder nicht in Freiheit und Selbstbestimmtheit leben können, solange weiter Kohle abgebaut wird, Meerestiere an Plastik ersticken, Nachhaltigkeit keine grundlegende Rolle spielt und Kinder in Indien billig Kleidung für den Westen nähen, solange wird sich selbst im Wandel nichts ändern.

Das klingt paradox? Das ist es auch.

In China gibt es ein Sprichwort, das sagt, was ich meine:
«Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.“

Ich hoffe, die weltweiten Veränderungen bringen mehr Mühlen als Mauern mit sich.

Esma sieht mich noch sitzen. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und sagt: «If it’s not okay, it’s not the end…»

Ich glaube ihr.

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