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Bienen-Belegstelle Bleckenau

ZweiMal um die Welt für ein Glas Honig

Auf 1.200 Metern Höhe gibt es eine Bienenbelegstelle, wo Bienenköniginnen gezüchtet werden und das unweit von Füssen. Die Belegstelle liegt zwischen Säuling und Tegelberg im Naturschutzgebiet Ammergebirge. Umgeben von Bergen mit einer Höhe zwischen 1660 m und 2000m, ist somit eine hohe Sicherheit für eine Reinzuchtbelegstelle gegeben. Sie wurde 1961 von den Imker-Kreisverbänden Füssen, Kaufbeuren und Marktoberdorf gegründet. Dieses Jahr feiert sie ihr 60-jähriges Jubiläum.

Doch was sind Bienenbelegstellen? Wild- und Honigbienen übernehmen wegen ihrer Bestäubungstätigkeit eine zentrale ökologische Rolle. Entsprechend kommt heute auch der Imkerschaft eine ökologische Schlüsselrolle zu. Damit möglichst viele Imker und Imkerinnen diesem naturnahen, wichtigen und faszinierenden Hobby effektiv nachgehen können und so die insgesamt notwendige Bestäubungsleistung sichern, ist eine ausreichende Zahl an Bienenbelegstellen erforderlich. Ein Schutzkreis mit einem Radius von 10 Kilometern in dem nur mit der Carnica-Biene geimkert werden darf ermöglicht die Zucht der Biene. Für die ca. 1300 aufgelieferten Königinnen pro Jahr stehen 20 Vatervölker aus der Zuchtlinie von Norbert Moser zur Verfügung.

Beispiele: ökonomischer und ökologischer Nutzen

• Weltweit liegt die Wertschöpfung der Biene bei circa 265 Milliarden Euro. Ihr volkswirtschaftlicher Nutzen in Deutschland wird mit 2,7 Milliarden Euro beziffert.
• Die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Bienen erhöht nicht nur den Ertrag, sondern verbessert auch die Qualität der Früchte. Beispiel Erdbeere: Der Handelswert liegt um 54 Prozent höher als bei selbst befruchteten Pflanzen. Der Wert der Bienen-Bestäubung nur für Erdbeeren, die in der EU verkauft werden, liegt jährlich bei gut 1 Milliarde Euro. Die durch Bienen bestäubten Erdbeeren sind schwerer, weisen weniger Missbildungen auf und erreichen eine höhere Handelsklasse.
• Kulturpflanzen wie Kakao, Vanille und Maracuja sind zu 100 Prozent auf die Bestäubung durch Bienen angewiesen.
• Bei Stein- und Kernobst steigert die Insektenbefruchtung den Fruchtertrag um 40 Prozent.

Wie viele Kilometer fliegen die Bienen für ein Glas Honig?

Um ein einziges Mal ihren Honigmagen zu füllen, der etwa 0,05 Gramm Volumen hat, braucht sie 1000 bis 1500 Blüten. Im Frühling und Sommer ist sie bei gutem Wetter von Tagesanbruch bis kurz vor der Dämmerung unterwegs. Aus etwa 2 bis 2,5 Kilo Nektar wird nach dem Trocknungs- und Veredelungsprozess ein Pfund Honig. Nektar hat – je nach Pflanzenart – einen Wassergehalt von bis zu 90 %, der verdeckelte reife Honig dagegen nur zwischen 15 und 20 %. Allein für ein einziges Pfund sind umgerechnet etwa 50.000 Flüge notwendig, um das Glas zu füllen. Allerdings verbrauchen die Bienen selbst so viel Energie für die Brut und sich selbst, dass man weitere 50.000 Flüge dazu zählen muss.

Der Flugradius einer Biene liegt bei etwa drei Kilometern, in Ausnahmefällen bei bis zu sieben Kilometern. Man geht jedoch von einer durchschnittlichen Strecke zwischen 500 bis 1000 Metern für den Hin- und Rückflug aus. Das sind dann zusammengenommen ungefähr 75.000 Kilometer! Die Bienen umkreisen damit fast zwei Mal die gesamte Erde, bis ein Glas Honig beim Imker gekauft werden kann. Und für eine kleine Portion Honig, etwa 20 Gramm, fliegen die Bienen rund 3000 Kilometer.

Der Bienenstaat

100.000 Komplexaugen, 200.000 Flügel und 300.000 Beine. Ein Volk von Honigbienen umfasst zur Hochsaison im Frühsommer bis zu 50.000 „Bürger“ in einem Bienenstock. Jedes Volk hat immer nur eine Königin. Sie lebt bis zu fünf Jahren. Wenn sie auf dem Weg zu ihrem Hochzeitsflug mit den Drohnen ist, nimmt sie einmalig bis zu zehn Millionen Spermien in ihrer Samenblase auf. Anschließend legt sie täglich bis zu 2.000 befruchtete und unbefruchtete Eier in die dafür vorgesehenen Brutzellen. In einer einzigen Saison sind das bis zu 200.000 Stück.

Text:rie/ bee-careful/ · Fotos: privat


Matthias Friedl (links im Bild) und Jörg Sattelberger sind Belegstellenleiter auf der Bienen-Belegstelle Bleckenau

Füssen aktuell sprach mit Jörg Sattelberger, der gemeinsam mit Matthias Friedl Leiter der Belegstelle Bleckenau ist, über ihre Bedeutung, nicht nur für die Imker.

Wie wichtig sind die Belegstationen für die Imker?
Sehr wichtig. Denn nicht jeder Imker ist in der Lage aus seinem Bestand geeignete Nachzuchten guter Königinnen zu gewinnen. Mit den Belegstationen werden die Weiterzucht sowie der Fortbestand dieser sanften Honigbienenart gesichert. Außerdem spielt die Honigbiene unter allen Bestäubern die größte ökologische Rolle: Fast 80 Prozent aller Nutz- und Wildpflanzen werden von der Westlichen Honigbiene bestäubt. Die restlichen 20 Prozent gehen auf das Konto von Hummeln, Fliegen, Wildbienenarten, Schmetterlingen und anderen Insekten. Diese sind im Vergleich zu Bienen aber oftmals sehr spezialisiert und „arbeiten“ daher langsamer.

Wie viele Königinnen wurden in den letzten Jahren gezüchtet?
Jährlich rund 1200 bis 1400 Königinnen bei einer etwa 75%igen durchschnittlichen Erfolgsquote, die stark von den Umwelteinflüssen abhängt, wie zum Beispiel von Witterungsverhältnissen.

Muss eine Fortpflanzung der Bienenköniginnen geplant werden?
Es besteht ein zeitlich getakteter Zuchtplan, der eingehalten werden muss. Dafür sollte das Wetter sonnig, warm und nicht zu windig sein.

Können Imker aus ganz Deutschland zu Ihnen kommen oder ist die Belegstation nur für den Landkreis Ostallgäu gedacht?
Natürlich können Imker aus ganz Deutschland kommen. Das ist allerdings nicht Sinn und Zweck der Sache und keineswegs rentabel, ganz zu schweigen vom ökologischen Aspekt. In ganz Deutschland gibt es Belegstellen, die anhand ihrer örtlichen Gegebenheiten nach Landbelegstelle, Inselbelegstelle und Hochgebirgsbelegstelle klassifiziert werden. Die Insel- und Gebirgsbelegstellen bieten für die Gewährleistung von reinrassigen Drohnen die besten Bedingungen.

Man sagt, dass die Honigbiene das drittwichtigste Nutztier ist und dass man bei ihr, wie bei anderen Nutztieren auch, Eigenschaften wegzüchten – oder hinzuzüchten kann. Ertrag zum Beispiel, Abwehrkräfte gegen Parasiten wie die Varroa-Milbe. Oder Sanftmütigkeit: dass die Bienen weniger stechfreudig sind. Doch wie züchtet man Tiere, die mehrere Kilometer weit fliegen und um die man nicht einfach einen Zaun oder Käfig bauen kann?
Man kann die Bienen nicht einsperren, aber in einem Umkreis von rund drei Kilometern finden sie durch die von der Königin ausströmenden Pheromone immer wieder den Weg zurück zu ihrem eigenen Stock. Damit alle Bienen eines Volks den gleichen Geruch annehmen, bildet die Königin in einer speziellen Drüse bei ihren Mundwerkzeugen entsprechende Duftstoffe. Die Arbeiterbienen verteilen die Duftstoffe der Königin durch gegenseitiges Putzen und füttern von Biene zu Biene. Sie orientieren sich aber auch anBlumen, am Stand der Sonne, kurzum an ihrer Umgebung.

Welche Rasse wird bei Ihnen gezüchtet?
Die gezüchtete Art trägt den Namen „Carnica“, sie zeichnet sich durch Sanftmütigkeit aus, ist schwarmträge und bringt hohen Honigertrag.

Wie oft sind sie an der Belegstation?
Von Ende Mai bis Ende Juli jeden Freitag mit einem Team mehrerer Personen, dabei kommen monatlich rund 40 Stunden zusammen, alles natürlich ehrenamtlich.

Was ist Ihnen Besonderes auf der Belegstation passiert?
Ein rührendes Erlebnis waren die Freudentränen einer jungen Imkerin mit erfolgreicher Züchtung einer Königin gleich beim ersten Versuch.

Ihnen noch eine gute Zeit und vielen Dank für das Gespräch.
Wir haben zu danken, denn so bekommen wir die Möglichkeit unsere Arbeit nach draußen zu präsentieren. Bienen sind für unser ökologisches und ökomenisches System nicht wegzudenken.

Das Interview führte Sabina Riegger · Foto: privat

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