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„ Am Brunnen vor dem Tore“ – Die Linde

Wer kennt nicht eines der bekanntesten Volks- und Liebeslieder von Wilhelm Müller, dem sogenannten „Griechenmüller“ (1794-1827)? Ich persönlich habe eine ganz spezielle Verbindung zu einer Linde, die bei uns im Apothekengarten steht und die wohl ca. 1905 gepflanzt worden ist, zu Zeiten meines Urgroßvaters. Dieser inzwischen wahrhaft majestätische Baum hat unsere Familie seitdem begleitet und erfreut.

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die Linde, ist sie doch ein Symbol für Gastfreundschaft, Gerechtigkeit (unter der Gerichtslinde „sub tilia“ wurde früher Recht gesprochen), Heimat, Liebende und Sehnsucht. Von letzterem zeugt z.B. der berühmte Minnesang Walters von der Vogelweide „Unter der Linde an der Heide, da unser beider Bette war“. Die herzförmigen Blätter und der narkotisierende Blütenduft haben wohl noch so manchen Lieddichter und Poeten inspiriert. Nicht zu vergessen die sog. „Tanzlinde“, die früher der Mittelpunkt eines Dorfplatzes war, dort, wo man Feste feierte, das Tanzbein schwang und die Liebenden sich zum Stelldichein trafen. In unseren Gefilden sind 2 Varianten verbreitet, die Sommerlinde, die gleich zu Beginn des Sommers im Juni ihre Blüten öffnet und die Winterlinde, die dann etwa 14 Tage später im Juli dran ist. Aufgrund des etwas unterschiedlichen Aussehens der Blätter erklären sich ihre botanischen Namen. Die Sommerlinde – Tilia platyphyllos – hat die größeren, breiteren Blätter (griech. platys = breit und griech. phyllon = Blatt) und ihre Unterseite ist weiß behaart. Die Winterlinde – Tilia cordata – hat im Vergleich kleinere Blätter mit gesägtem Blattrand.

Sie haben eine deutlichere Herzform (lat. cor = Herz). In den Nervenwinkeln ihrer Blattunterseite stehen kurze rostfarbene Haare. Die Namen Sommer- und Winterlinde kommen wohl tatsächlich daher, dass die eine 2-3 Wochen vorher blüht… Allerdings sind beide Arten so nahe miteinander verwandt, dass sie sich von Natur aus sogar gerne miteinander vermischen. Diese Variante (Tilia x vulgaris) züchteten zuerst holländische Gärtner in großem Stil, meistens verwendet zur Pflanzung von Lindenalleen, man denke nur an die berühmte Adresse „Unter den Linden“ in Berlin, die bereits 1647 von Kurfürst Friedrich Wilhelm angelegt wurde.

Pharmazeutisch verwendet werden die Blütenstände von beiden klassischen Lindenarten einschließlich des charakteristischen sog. Hochblattes. Ob sich Knospen oder gar schon Früchte gebildet haben, spielt qualitativ keine Rolle. Sie enthalten ätherische Öle, Flavonoide sowie Schleim- und Gerbstoffe. Die Inhaltsstoffe haben einen schweißtreibenden Effekt. Aufgrund des Schleim- und Gerbstoffgehalts wirken die Lindenblüten auswurffördernd und reizlindernd. Darüber hinaus sollen sie sogar die körpereigenen Abwehrkräfte stärken!

Wissenschaftlich anerkannt ist die Anwendung von Lindenblüten im Frühstadium von Erkältungskrankheiten und gegen trockenen Reizhusten. In der Erfahrungsheilkunde werden sie auch gerne bei Blasen- und Nierenleiden sowie zur Beruhigung bei nervösen Unruhezuständen verwendet.
Eine Teezubereitung mit Lindenblüten zur Behandlung, aber auch bereits zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten ist sicherlich die gebräuchlichste Anwendung. 1 Tasse Tee wird mit 1 TL entsprechend etwa 2 g und 150 ml kochendem Wasser zubereitet. Nach dem Aufguss sollte der Tee ca. 15 Minuten ziehen und dann möglichst heiß getrunken werden. Patienten mit fiebrigen Erkältungskrankheiten können mithilfe des Tees die bekannte, sog. „Schwitzkur“ durchführen. Der Schwitzkur liegt die volkstümliche Vorstellung zugrunde, dass mit dem Schweiß auch die Krankheitserreger oder die von ihnen erzeugten Gifte den Körper verlassen. Wichtiger als das Schwitzen ist jedoch die so erhöhte Körpertemperatur, denn dadurch können die temperaturempfindlichen schädlichen Viren deutlich reduziert werden. Zur Herstellung von einer schweißtreibenden Teemischung ist u.a. eine Kombination mit Holunderblüten ideal. Ansonsten können Lindenblüten auch mit vielen anderen „Erkältungspflanzen“ ergänzt werden, wie z.B. Anis, Thymian, Schlüsselblumen oder Malvenblüten. Was die Lindenblüten auch besonders sympathisch macht, ist die Tatsache, dass hiervon keine Neben- oder Wechselwirkungen bekannt sind. So dürfen beispielsweise sogar Säuglinge den reinen, unkombinierten Tee trinken.

Das weiche Lindenholz ist leicht zu bearbeiten und wird und wurde von den Holzschnitzern als „lignum sanctum“ (Heiligenholz) sehr geschätzt. Süddeutsche Künstler wie Tilman Riemenschneider gaben der Linde stets den Vorzug, wo hingegen in Norddeutschland eher das harte Eichenholz verwendet wurde, da dort geografisch gesehen die Eichen dominieren. Die Linde bietet uns sogar zwei (!) verschiedene Honigsorten: den Lindenhonig und den Lindenblütenhonig. Um welche der beiden Honige es sich handelt, kann uns u.a. die Farbe verraten. Welcher ist nun welcher? Wie der Name schon sagt, handelt es sich beim Lindenblütenhonig um eine Sorte, die von den Bienen aus dem Nektar der Blüten „zubereitet“ wird. Als Lindenhonig wird hingegen der Honig bezeichnet, der noch zusätzlich einen Anteil von Honigtau besitzt. Doch zurück zur Linde – weil blühende Linden gerade in den Abendstunden einen Besonders intensiven Duft verströmen, gehören sie wirklich zu den wenigen, die die Bienen selbst am Abend noch gerne aufsuchen. Zur Differenzierung der 2 Sorten: beide besitzen einen sehr kräftigen und aromatischen Geschmack, kennzeichnend ist auch eine leichte, ganz dezente Menthol-Note. Der reine Blütenhonig kann anhand seiner weißen Farbe sehr gut von Lindenhonig unterschieden werden. Leider gibt es auch Lindenarten wie die Krimlinde, die Hängesilberlinde oder die Silberlinde, die für Bienen oder Hummeln einen solch starken unwiderstehlichen Duft ausströmen, dass sie geradezu in Schwärmen angelockt werden. Leider werden sie dann zum Teil, wie soll man sagen, regelrecht betäubt oder vergiftet, so dass der Boden unter diesen speziellen Bäumen oft mit sterbenden Insekten übersät ist, das war dann wohl doch zu viel des Guten – schade!

Allerdings finde ich eine noch relativ unbekannte naturheilkundliche Anwendung der Silberlinde (Tilia tormentosa) sehr interessant. Im Rahmen der sog. Gemmotherapie (von lat. Knospe) – hier werden speziell aufbereitete Extrakte verschiedener Pflanzen aus deren Knospen, jungen Sprossen und Trieben verarbeitet – wird ein Spray der Silberlinde eingesetzt bei Ein- und Durchschlafstörungen, Angst, Depressionen und Stress, um nur einiges zu nennen. Ein sehr vielversprechender Ansatz, den es durchaus zu verfolgen gilt.

Freuen Sie sich an unseren wunderschönen Lindenbäumen so wie ich!

Ihre Apothekerin
Simone Wagner

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