BrauchtumLeben

Sehnsucht nach Heimat

Trachtenkultur im Füssener Land
2. Juli bis 31. Oktober 2021
Sonderausstellung
im Museum der Stadt Füssen

Sehnsucht nach Heimat – oder wie die vier Füssener Trachtenvereine der Heimat ein Gesicht geben … Teil 1

Mal bewahren wir „Heimat“, mal müssen wir sie verlassen und eine zweite Heimat finden. Diese Sehnsucht nach Heimat ist heute so aktuell wie ehedem. Bereits vor mehr als 100 Jahren trieb Menschen dieses Gefühl um – auch hier in Füssen. Industrialisierung, Fremdenverkehr und Krieg waren die brennenden Themen jener Zeit. Wie schafft man es, unter solch schwierigen Voraussetzungen die Sehnsucht nach Heimat zu stillen? Umso mehr, wenn der Heimatbegriff wesentlich mehr Facetten umfasst als den geografischen Ort, an dem wir uns die meiste Zeit aufhalten.

Der Urgedanke der Trachtenvereine beginnt in Miesbach und Schliersee um 1887. Von dort hat sich diese Bewegung relativ schnell ins Bayerische begeben. Die ersten Burschen, die hier in Füssen tätig waren, kamen von dort. Sie trugen in ihrer Freizeit Lederhosen, konnten Schuhplatterln und versuchten, das auch ihren Kollegen in der Fabrik beizubringen. „Haupttreffpunkt war das Wirtshaus Mineralbad auf dem Gelände der Füssener Hanfwerke, liebevoll von allen Gifthütte genannt, weil man dort vermutlich nicht nur Bier getrunken hat. Dann hat man die Zither herausgeholt und hat angefangen zu Tanzen und zu Schuhplatterln. Daraus entstand der erste sogenannte Touristenclub. Sie wollten anfangs den Verein dazu nutzen, um in die Berge zu gehen und die Bergwanderungen zu beschreiben“, erzählt Richard Hartmann, 1. Sprecher und Mitglied des Hauptvorstands, 1. Schriftführer des Gebirgstrachten- und Heimatverein D´Neuschwanstoaner Stamm Füssen. „Auch unsere ersten Protokolle sind Aufzeichnungen über die Ersteigung des Tegelbergs und hatten gar nichts mit Schuhplatterln zu tun“, fügt er hinzu. Was heute ein Club für die jungen Erwachsenen ist, war damals das Treffen und Musizieren sowie Schuhplatterln für die jungen Frauen und Männer. Tatsächlich war Schuhplatterln nichts anderes als Balztänze. So konnten die Burschen zeigen wie geschickt sie sind und was sie so drauf haben.

Die tägliche Tracht der Arbeiter war allerdings alles andere als ansehnlich. Den ganzen Tag verbrachten sie in der Kleidung, während sie hart arbeiteten. Wenn Schichtwechsel war und sie Feierabend hatten, mussten sie über die Klosterstraße nach Hause gehen, um in ihre Wohnungen in der Hanfwerksiedlung zu gelangen. Die Reichenstraße war für sie tabu. Sie fielen durch ihre Kleidung und den Fabrikgeruch auf, und das hätte den Fremdenverkehr womöglich beeinträchtigt und die Bürgerschaft gestört.

Die Gebirgstrachten und Heimatvereine haben einen ganz spannenden Ursprung, weiß Museumsleiter Dr. Anton Englert. Sie haben sich aus der Industrialisierung heraus gebildet. Die Menschen haben in den Füssener Hanfwerken eine Arbeit gefunden, jedoch keine Heimat. Also schufen sie sich eine. Die Idee kam aus der Schwesterfirma in Immenstadt, die bereits einen Gebirgstrachtenverein hatte.

Welche Aufgabe sie haben und was Trachtenvereine im Detail machen, wissen nur wenige. Die Stadt Füssen zählt vier dieser engagierten Gruppen – die 86, 100, 111 und sogar 121 Jahre alt sind. Sie haben sich seit mehr als 100 Jahren zum Ziel gesetzt, ihrer Heimat und ihren Traditionen ein Gesicht zu geben und diese zu bewahren – über Tracht und „Heimatabend“ hinaus.

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Für das Sonderausstellungsprojekt im Museum der Stadt Füssen haben sich die Stadt Füssen, die Trachtenkultur-Beratung des Bezirks Schwabens und das Allgäuer Heimatwerk zusammengeschlossen. Protagonisten der Ausstellung „Sehnsucht nach Heimat“ sind die Trachtenvereine aus der Kernstadt sowie den früher selbstständigen Gemeinden Weißensee und Hopfen am See. Zum ersten Mal präsentieren sie gemeinsam ihre „Schätze“ und Geschichte(n).

Freuen Sie sich auf einen Blick hinter die Kulissen und auf selten gezeigte Exponate.

Rahmenprogramm zur Sonderausstellung:

2. Juli 2021: Wirtshauslieder-Singen in Kooperation mit der Bezirksmusikpflege des Bezirks Schwaben in den Wirtshäusern der Altstadt
3. und 4. Juli 2021: Großer Trachtenmarkt sowie Auftritte der Trachtenvereine aus dem Ortsgebiet Füssen auf den Plätzen der Altstadt
3. Juli 2021: Fahnenweihe des Gautrachten- und Heimatvereins „D´Neuschwanstoaner Stamm Füssen“ mit Kirchzug der Trachtenvereine und Festgottesdienst in der Kriche St. Mang. Anschließend Festzug der Vereine mit der Harmoniemusik durch die Altstadt

Text: rie/pm · Fotos Thomas Rimili

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