Kolumne

In den Bergen

Er sieht aus wie ein Bruder von Sascha Hehn und Jan Sosniok: Hemd, Cargohose mit Falte und -ganz wichtig- der obligatorisch über die Schultern gelegte Pulli mit Rundhals-Ausschnitt. Sein seitlicher Haarscheitel trennt die dunklen, fülligen Haare in zwei Wet-Gel-Hälften.

Ein bisschen wirkt er wie ein junger Manager eines Brownstone Penthouse-Hotels auf der Upper East Side, der in seiner Mittagspause lieber Schuhcreme einarbeitet, als eine Runde im Central Park zu drehen.

Er scheint todöde, aber dafür entschlossen.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon auf das beigefügte Bild in der Mail starre. Er steht neben seinem braunen Labrador, der perfekt zur Farbe seines Gürtelbandes passt. Die beiden posieren erhaben vor einem wunderschönen Chalet in den Bergen. Dunkle Glasfronten, Holz, Naturstein.

«Sehr geehrte Frau Ademi, vielen Dank für Ihre freundliche Anfrage und das damit verbundene Interesse an unserem Chalet. Gerne senden wir Ihnen, Frau Ademi, nachstehend unser unverbindliches Angebot für genussreiche Urlaubstage.

Wir würden uns sehr freuen, wenn unser Angebot Ihren Vorstellungen entspricht und wir Sie bald in ihrer Bergvilla begrüßen dürfen. Ihren Urlaubsträumen steht jetzt nichts mehr im Wege. Wir können es kaum erwarten, Sie zu sehen!

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Ihr Josef H. mit Familie und dem gesamten Team.»

Ich wollte drei Tage waldbaden, im beheizten Pool schwimmen, spazieren, entschlacken in der Zirbensauna, auf dem Echtfeuer-Ofen kochen, mich auf den ergonomischen Whirl-Liegen entspannen und am Abend im «Highlightzimmer» mit Glasdach unter dem Sternenhimmel einschlafen.

Ich antworte ihm:

«Sehr geehrter Herr H.,

herzlichen Dank für Ihr Angebot zu meiner Buchungsanfrage. Ich muss und will ehrlich zu Ihnen sein. In diesem Augenblick trage ich einen Pullover mit eingetrocknetem Marmeladenfleck, dazu Jogginghose und Fell-Puschen, die mein Hund angeknabbert hat und während ich diese Zeilen schreibe, denke ich über das Prinzip der freien Marktwirtschaft nach. Die Grundidee von Angebot und Nachfrage, ich weiß.

8.640 Euro für drei Tage in einem Ihrer Chalets- ich mache es kurz:
Das wäre mein persönlicher moralisch-ethischer Total-Verfall in Ziffern. Oder: Niemals. Wirklich niemals, würde ich das bezahlen. Nicht mal wenn ich könnte.

Trotzdem, danke.

Vivien Ademi»

PS: ein Kalenderspruch für den Kühlschrank. Vielleicht für den im Chalet?
«Und wieviel kostet das Gratiswochenende?»
(Homer Simpson)

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