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Das Wunder von Halblech

Das heutige Unternehmen und die Geschichte Bihler sind untrennbar mit dem Firmengründer Otto Bihler verbunden. Einem Pionier, wie er im Buche steht. Einem Mann, der seine Ideen aus dem Ostallgäu in die ganze Welt brachte.

Er war der Gründervater der großen „Bihler-Familie“: Otto Bihler, der vor bald 70 Jahren die Otto Bihler Maschinenfabrik gründete. Man kann ohne weiteres sagen, dass er mit seinem Unternehmergeist nicht nur der Gemeinde Halblech, den umliegenden Ortschaften und der Stadt Füssen zu wirtschaftlichem Aufschwung und vielen neuen Arbeitsplätzen verhalf, sondern auch das südliche Ostallgäu zu einem Zentrum der Stanzbiegetechnik machte. Geboren wurde Otto Bihler am 26. Mai 1926 in der Schwangauer Straße in Füssen. Mit nicht einmal 14 Jahren fing er seine Ausbildung bei Dornier in Pfronten als Flugzeugmechaniker an. Viel lieber hätte er eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker gemacht – die Möglichkeit dazu ergab sich allerdings nicht. Nichtsdestotrotz fuhr Otto jeden Tag mit dem Fahrrad von Füssen nach Pfronten zu seinem Ausbildungsplatz. Nach Beendigung der Lehre musste Otto mit 16 Jahren in den Krieg ziehen, kam nach Frankreich an die Front in der Normandie und überlebte den sogenannten D-Day. „Glücklicherweise kam er bald in Gefangenschaft und wurde zuerst nach Norfolk und später in die USA ausgeschifft“, erzählt Sohn Mathias Bihler, der die Firma in zweiter Generation seit 26 Jahren leitet.

Viel weiß der 60-Jährige nicht über die Gefangenschaft seines Vaters. „Seiner Familie gegenüber sprach er kaum über diese Zeit, außer dass er in seiner zweijährigen Kriegsgefangenschaft immer recht gut behandelt wurde und drei Mal am Tag zu essen bekam. Das hatte er zu Hause nicht. Er lebte mit seiner Familie in sehr bescheidenen Verhältnissen. In der Gefangenschaft arbeitete Otto beim Maschinenbauer U.S. BAIRD in Connecticut – einem Unternehmen, das ihm später als Wettbewerber wieder begegnen sollte. „Der Kommandeur vor Ort und mein Vater hatten eine Gemeinsamkeit, die die Distanz zwischen Kommandeur und Gefangenen verschwinden ließ: ihre Liebe zu Motorrädern. Weil mein Vater großes Geschick beim Reparieren von Motoren hatte, vertraute ihm der Kommandeur deshalb die Instandhaltung der Jeeps an“, erinnert sich Mathias Bihler. Nach zwei Jahren kam Otto dann wieder zurück nach Frankreich.

Auch hier hatte der Allgäuer Glück. Denn die Franzosen hatten vor, alle Gefangenen in die französischen Kolonien nach Afrika zu schicken. „Zum Glück war noch der Offizier da, der die Truppe um meinen Vater kannte. Er ermöglichte es, dass die jungen Männer 1946 zurück ins Allgäu begleitet wurden“, weiß Mathias Bihler. Die Gefangenschaft und vor allem die Zeit in Amerika hat den damals 18-jährigen Otto geprägt. Er war fasziniert vom wirtschaftlichen Umbruch in Amerika und den vielen Möglichkeiten, die sich den Menschen damit boten. Die Leidenschaft, etwas zu bewegen und letztendlich auch seine eigenen Wünsche damit zu erfüllen, war geboren. Und die Zeit des Wirtschaftswunders in Deutschland begünstigte es, dass Otto Bihler seine Träume zu Hause im Allgäu verwirklichen konnte.

Otto Bihler (li.) mit seinem Freund und langjährigen Mitarbeiter Hubert Behr vor seiner Zündapp KS 601 „Grüner Elefant“, im Hintergrund der Adlerhorst Schwangauer Hubert Behr

Ideen aus der Schweiz

Zurück aus der Kriegsgefangenschaft arbeitete Otto Bihler zunächst auf dem Militärflugplatz in Füssen. Aufgrund der guten Löhne zog es ihn aber, wie viele andere Allgäuer auch, Anfang der 50er Jahre in die Schweiz. Dort wollte er sich als Facharbeiter das Startkapital für sein eigenes Unternehmen erwirtschaften. Unter anderem arbeitete er dort bei einer Uhrenfabrik, wo er mit der Problematik der Federnherstellung vertraut wurde. Es war ein sehr aufwändiger, manueller Herstellungsprozess, vor allem dann, wenn eine hohe Stückzahl an einer Drehbank produziert werden sollte. Bereits hier reifte bei Otto der Gedanke, einen Automaten für die Federnherstellung zu bauen.

Ein-Mann-Betrieb in der Ziegelwies

1953 kehrte Otto aus der Schweiz zurück nach Füssen und gründete seinen eigenen Handwerksbetrieb. Der Firmensitz des Ein-Mann-Betriebes befand sich in einem Nebenzimmer der Autowerkstatt eines Freundes Franz Osterried in der Ziegelwies – wer heute aufmerksam in Richtung Walderlebniszentrum fährt, sieht die Autowerkstatt dort auf der linken Straßenseite. In der Ziegelwies arbeitete Otto zunächst noch an Herstellung von Federn und einfachen Vorrichtungen zur Federnherstellung, bald schon begann er aber mit dem Bau von Federwindeautomaten.

Eine geniale Idee entsteht

Zunächst im Keller des Elternhauses seines ersten Mitarbeiters Max Schneider, später in einer größeren, angemieteten Werkstätte in Pfronten-Weißbach baute Otto Bihler mit seinem inzwischen achtköpfigen Team den Federautomaten UFA 1. Und hier war es auch, wo eine geniale Idee entstand – Otto Bihler entwickelte den ersten Stanz- und Biegeautomaten der Welt, Typ RM 25.

Die RM 25 war der erste Stanz- und Biegeautomat der Welt.

Der Durchbruch auf der Hannover-Messe 1957 sollte die neue Radialmaschine RM 25 und der Federautomat UFA 1 auf der Industriemesse in Hannover ausgestellt werden – das war das Ziel von Otto und seinem Team. Die mehrere hundert Kilo schwere RM 25 musst damals noch in zwei Teile auseinandergebaut werden, um sie aus der Werkstatt zu bekommen.

Die fünf Messetage waren ein riesengroßer Erfolg und die beiden Maschinen sorgten in der Branche für Furore. Kostete die RM 25 am ersten Tag der Messe noch 7.000 DM, so stieg der Preis an jedem Tag um 1.000 DM. Trotz dieses Preisanstieges bestellten die Kunden die Maschinen und die Auftragsbücher waren nach der Messe voll – so voll, dass das junge Unternehmen wachsen musste.

Die Erfolgsgeschichte geht weiter

Mit viel Weitsicht stellte Martin Niklas Otto Bihler ein Grundstück in Halblech zur Verfügung – die Freundschaft und das Vertrauen zwischen den beiden Männern machte es möglich, dass bereits ein Jahr später das erste Betriebsgebäude errichtet und damit der Grundstein für den großen Erfolg des Maschinenbauunternehmens gelegt wurde. 1958 zählte die Belegschaft bereits 18 Mann, darunter Mitarbeiter der ersten Stunde wie Max Schneider, Johann Riedhofer und der erste kaufmännische Verantwortliche Xaver Settele.

Bihler begann außerdem sofort mit der Ausbildung junger Menschen zu Werkzeugmachern, Maschinenschlossern, Elektrikern, Technischen Zeichnern und Industriekaufleuten.

In den nächsten Jahrzehnten wuchs das Unternehmen ständig weiter und beschäftigt heute rund 1000 Mitarbeiter in Deutschland.

Martin Niklas und Otto Bihler.

1984 wurde Otto Bihler vom Bundespräsidenten für beispielhafte Leistungen in der Berufsausbildung, 1989 für seine Verdienste um die BRD mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Mit seiner Heimatstadt Füssen war er zeitlebens sehr eng verbunden und engagierte sich für die unterschiedlichsten Bereiche in der Region. Völlig unerwartet verstarb Otto Bihler 1995 – sein Sohn Mathias führt das Unternehmen inzwischen seit 26 Jahren erfolgreich und leitet die „Bihler-Familie“ an. „Ohne unsere Mitarbeiter, die die Firma mit ihren Ideen und ihrer Innovationskraft voranbringen, wäre der Erfolg und das Wachstum des Unternehmens Bihler nicht möglich gewesen. Die Treue und den Zusammenhalt bei Bihler schätze ich, wie schon mein Vater, sehr – das ist es, was uns auch stark für die Zukunft macht“, erklärt Mathias Bihler.


IM GESPRÄCH MIT MATHIAS BIHLER

Mathias Bihler ist seit 40 Jahren im Betrieb tätig. Seit 26 Jahren leitet er erfolgreich das Unternehmen, das in zwei Jahren sein 70-jähriges Bestehen feiert.

Wenn man auf die Lebensgeschichte Ihres Vaters zurückblickt, sieht man einen Menschen vor sich, der Pionier und zugleich eine starke Persönlichkeit war. Für jede noch so vermutlich ausweglose Situation fand er Auswege. Wie haben Sie ihren Vater empfunden?
Mein Vater war zielstrebig. Er konnte Menschen von seinen Ideen begeistern. Er hat immer wieder gesagt, dass er viel Glück und gute Leute um sich hatte. Ich glaube, das hat ihn angetrieben und wie Sie schon anmerkten, war er ein Meister darin, aus schwierigen Situationen Auswege zu finden. Denn das, was er machte, tat er mit Leidenschaft.

War er geduldig?
Ja das war er. Er war auch gerade heraus. Wenn etwas nicht funktionierte, hat er das nicht mit Kraft oder durch seine Stellung, sondern am Ende wieder durch die Begeisterung, die er lebte, umgesetzt.

Meinen Sie mit gerade heraus, direkt oder ehrlich?
Beides. Das war das Wichtigste für ihn. Von Kunden oder auch Mitarbeitern, die nicht offen und ehrlich „gespielt“ haben, trennte er sich umgehend. Er konnte es nicht ertragen, wenn jemand nicht ehrlich war. Vertrauen war ihm immens wichtig.

Sie sagten, dass ihr Vater wenig über die Kriegszeit und seine Gefangenschaft sprach. Hatte das einen Grund?
Er wollte es einfach von uns fernhalten und uns mit seinem Schicksal, das er erlebt hatte, nicht belasten.

Es heißt, dass er ein guter Skifahrer und Skispringer war und durchaus Chancen gehabt hätte, daraus mehr zu machen.
Ja, wenn er in die Hitler-Jugend eingetreten wäre. Aber das wollte er nicht. Das hat meinen Vater aber nicht daran gehindert, trotzdem weiterhin sportlich auf der Piste zu sein. Er war ein begnadeter Skifahrer und auch Langläufer. Trotz dieser politisch schwierigen Situation erkannte er, wie wichtig der Zusammenhalt im Teamsport und letztendlich auch in der Familie ist. Und diese Haltung zeigte sich nach dem Krieg, als alles wieder aufgebaut werden musste. Nicht nur kaputte Häuser, sondern auch die Wirtschaft, der Tourismus, alles. Er dankte den Menschen und der Region mit seiner Loyalität. Meinem Vater wäre es nie in den Sinn gekommen, woanders günstiger zu produzieren. Er wollte die Leute hier, in seiner Heimat, beschäftigen. Natürlich hatte das Unternehmen auch seine Höhen und Tiefen, aber durch die Innovationen, die unsere Mannschaft entwickelte, wurde unsere Positionierung auf dem Markt immer wieder gestärkt. Das sorgt wiederum für mehr Stabilität im Betrieb. Meinem Vater ging es nie nur um den Profit. Der Mensch war in seinen Augen der wichtigste Faktor. Da teile ich auch die Meinung meines Vaters. Es ist wichtig, zufriedene Menschen um sich zu haben, da sie wiederum in schwierigen Zeiten ein Maximum an Verständnis aufbringen.

Wie viele Mitarbeiter hat die Firma Bihler jetzt?
Mit den Mitarbeitern in den USA sind es etwa 1400 Mitarbeiter. Davon sind rund 100 Auszubildende, aufgeteilt auf drei Lehrjahre und -berufe, sowie Praktikanten und Studenten, die bei uns ein duales Studium absolvieren. Viele von ihnen fördern wir weiter und freuen uns, mit welche tollen Ideen und Tatendrang sie danach wieder in das Unternehmen zurück kommen.

Es gibt sehr viele namhafte Firmen aus der Stanz- und Biegetechnik und auch Konstrukteure, die aus ihrem Unternehmen stammen und dort auch ihre Ausbildung gemacht haben. Waren Ihr Vater oder auch Sie enttäuscht darüber, dass aus Mitarbeitern nun Konkurrenten geworden sind?
Sicherlich war es nicht einfach für meinen Vater, einen guten Mitarbeiter zu verlieren. Aber er hat auch immer das Potenzial hinter ihren guten Ideen gesehen und seine Unterstützung angeboten. Das haben wir auch heute noch so beibehalten. Denn aus einem guten Verhältnis kann eine Kunden-Lieferanten-Beziehung entstehen und ehemalige Mitarbeiter werden mit ihren Firmen zu unseren Kunden. Beispiele hierfür sind unter anderem ZETKA, Unimet – inzwischen IWIS smart connect – Prometall, SFT oder EPT. Auch die vielen Zulieferer und Konstruktionsbüros in der Region profitierten davon, dass die Branche durch die neue Selbstständigkeit ehemaliger Mitarbeiter meines Vaters an Fahrt gewannen.

Die Philosophie von Otto Bihler war, „man muss immer der Beste sein“. War das nicht ein ständiger Druck, diesem Motto gerecht zu werden?
Mein Vater lebte seine Arbeit und seinen Beruf. Ich glaube nicht, dass er oder seine Mitarbeiter das als Druck empfanden. Er wollte etwas für sich und seine Mitarbeiter schaffen und möglichst nah am Kunden sein. Es fiel ihm nicht schwer zu optimieren, weil er genau wusste, welche Bedürfnisse und Vorstellungen die Kunden hatten.

Vielen Dank für das Gespräch.
Danke Ihnen!

Text: Sabina Riegger · Fotos: Fa. Bihler

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