Kolumne

Der Tanz

Gerade höre ich „Deceptacon“ von Le Tigre. 1999 erschien der Song. Da war ich gerade mal zehn Jahre alt. Und jetzt, zwanzig Jahre später, sitze ich hier vor meinem Laptop. Ich höre diesen großartigen Klassiker und versuche mich zu konzentrieren. Eigentlich kann ich das mit Musik am besten.

Eigentlich.
Aber ich kann einfach nicht mehr länger sitzen bleiben.
„Who took the Ram from the Ramalamadingdong?
How are you?
Fine, thank you
How are you?
Fine, thank you! “

Ich singe mit beleidigtem Gewissen im Nacken. Ich kann es laut hören. Aber „Le Tigre“ sind lauter. Drei Feministinnen mit ihrem Electropunk halten mich von der Arbeit ab. Und ich bin glücklich darüber.

Vor dem Song wusste ich genau, was ich schreiben wollte. Aber irgendwie ist alles weg.

Vielleicht, weil ich mich bewege wie eine Wildgewordene und dabei alles verloren geht, vielleicht aber auch, weil es nicht wichtig genug war.
Ich muss an meine Freundin denken. Und an unsere Abi-Prüfungen. Ich war damals ganz sicher, meine Aufregung würde mich auf die unangenehmste Art und Weise umbringen. Vor allen anderen – mitten in der Turnhalle.

Ich war nicht nur nervös, sondern akut verstummt. Ein ernstzunehmender Fakt. Was heißt: Wenn ich nicht mehr rede, ist die Lage wirklich ernst. So ernst, als wäre Pippi plötzlich Annika, oder SpongeBob eine Gartenzwiebel.

Während ich also irgendwie versucht habe bei Bewusstsein zu bleiben, fing meine Freundin einfach an zu tanzen. Oder wie sie es nannte: „Die Anspannung nutzen.“
Ehrlich gesagt dachte ich, sie hätte einen schlimmen Nervenzusammenbruch. Noch schlimmer als meiner.
Aber gerade verstehe ich sie besser als je zuvor. Und „die Anspannung nutzen“ klingt auf einmal gar nicht mehr so bescheuert.

Ich bin angespannt. Also tanze ich einfach. Wahrscheinlich noch eine ganze Weile.
Meine Freundin tanzt übrigens auch. Immer noch. Hauptberuflich sogar.

Hat sie gut gemacht.

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