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Cem Cebecioglu und das Lernen für die Zukunft

Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück. Der englische Komponist, Dirigent und Autor Benjamin Britten soll das gesagt haben. Ein vielzitierter Spruch, meistens von Lehrer*Innen, die das ins Poesie-Album Ihrer Schüler und Schülerinnen schreiben. Der ene oder andere nahm sich das sicher zu Herzen. Manche früher und manche später. Cem Cebecioglu gehört zu jenen, die immer wieder eine berufliche Herausforderung gesucht haben. „Als ich 16 wurde, war mir nicht so klar, welche Ausbildung ich machen wollte. Ich lernte Maurer, weil ich meinte, dass dies ein gutes, solides Handwerk ist“, erzählt der Familienvater heute.

Die Hände macht er sich auch heute noch schmutzig. Nicht mit Mörtel, sondern mit Öl, das so schwer aus den Händen wegzukriegen ist. Seife und eine Handbürste gehören zu den Handwerksberufen dazu wie das Amen in der Kirche.

Später, als er seine Frau kennenlernte, war klar, er macht noch eine Ausbildung zum Bürokaufmann. „Wir hatten schon Pläne, was wir machen wollten und das sollte die Basis dafür sein.“ Der Plan sah nämlich so aus, dass er sich später mit einer Kfz-Werkstatt selbständig machen wollte. Er sollte im Büro arbeiten. „Die Hoffnung, nur im Büro zu arbeiten, ging aber nicht auf“, lacht er herzlich. Gemeinsam mit seiner Frau Hülya und Schwiegervater Idi Dagistan übernahm er vor drei Jahren die ehemalige Toyota-Auto-Werkstatt in der Schwangauer Straße. „Mein Schwiegervater ist der Werkstattleiter und der eigentliche Chef. Er macht das ganz gut“, meint er anerkennend. Um später selber den Betrieb leiten zu können, entschloss er sich eine Ausbildung als Mechatroniker in seiner eigenen Werkstatt zu machen. „Es ist mir wichtig, das was ich mache, auch verstehen zu können. Ich möchte meinen Kunden erklären können, warum wir welches Teil ausgetauscht oder repariert haben oder auch nicht“, so der Füssener. Seine Ausbildung hat er im übrigen mit seinem Lehrling angefangen.

Zwei Mal in der Woche hätte Cem Cebecioglu Unterricht. Doch die Corona-Pandemie lässt einen normalen Präsenz-Unterricht nicht zu. Auch für ihn gilt deshalb Distanzunterricht wie bei seiner Tochter, die auf das Gymnasium geht. In der Berufsschule drückt er die Schulbank mit Teenagern, die mindestens 20 Jahre jünger sind als er. „Irgendwie ist es schon witzig, dass ich noch eine Ausbildung mit 40 Jahren angefangen habe. Und ich habe in der Berufsschule den Sohn meines ehemaligen Lehrers als Lehrer. Das ist wirklich besonders. Ich dachte, dass mir das Lernen eventuell schwerfallen könnte. Ich bin froh, dass es nicht so ist. Es fällt mir leicht und macht mir sogar Spaß. Als Teenager empfand ich die Schule weder witzig noch spaßig“, lacht der Familienvater. „Eines ist allerdings ganz wichtig.: Das richtige Zeitmanagement und auch die Kraft, den inneren Schweinehund zu besiegen, der einem leise ins Ohr flüstert: Ruh Dich doch einfach mal aus oder -Das kannst Du auch morgen machen-“, gibt er zu verstehen. Ein Zuckerschlecken ist das nicht, aber welche Arbeit ist das schon, wenn draußen die Sonne scheint und man lieber alles liegen lassen würde. Sein Alltag muss gut strukturiert sein, wenn er alles, was wichtig ist unter einen Hut bringen möchte. Da ist die Ausbildung auf der einen Seite, die schulischen Anforderungen auf der anderen Seite, nicht zu vergessen die Familie sowie die tägliche Arbeit in der Werkstatt am Abend und ein bisschen Zeit sollte auch noch für einen selber übrig bleiben. Kann man das alles an einem Tag unterbringen? „Es erfordert viel Disziplin. Aber es ist gut so wie es ist, weil wir es so entschieden haben. Zum Glück habe ich sehr viel Rückhalt von meiner Frau. Außerdem spare ich mir durch die Lehrzeitverkürzung Zeit. Für mich ist das eine Erfahrung, ein Gewinn und eine Herausforderung zugleich“, fasst er zusammen.
Nächstes Jahr sollte er mit der Ausbildung fertig sein, sozusagen mit dem Fundament, auf das er seine Weiterbildung zum Meister aufbauen will. „Ich bin optimistisch genug, dass ich das auch schaffen werde, weil ich es unbedingt will.“

Dann bleibt nur noch zu sagen, viel Erfolg und gute Nerven.

Text · Foto: Sabina Riegger

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